Für Gedichte benötigt unsere technische und überaus kommunikative Zivilisation ein neues Bedürfnis. Wir müßten uns zur Begrüßung am Morgen einen Vers zuwerfen, wie eine Blume oder einen Duft, selbstverständlich, beiläufig, mit möglichst wenig Tamtam. Der Gegrüßte könnte mit einem Vers oder einer Strophe antworten. Gäbe es Zuhörer dieses freundlichen Austauschs, könnten sie mitmachen beim Flechten eines bunten Straußes. Die natürliche Anmut entscheidet, nicht die aufgesetzte Pose. Alles bloß Gewollte macht schlechte Laune oder faßt in fremde Börsen, setzt künstlich unter Druck. Auf die Kinderverse und einige Liedlein folgt in unserer sprachmusikalischen Erziehung gar nichts. Ballade ist Stoff der siebten Klassen, Fontanes Steuermann, Herr von Ribbeck, Schillers Handschuh. Außerhalb der Anstalten dann noch deutscher HipHop, eine Poesie der Straße, Mangelerscheinung, amerikanisch-deutsches Kopieropfer, doch ich mag mich täuschen, immerhin wird sprachkünstlerisch gearbeitet, was man von den hart arbeitenden Nurnocherwachsenen nicht sagen kann, denn die kommen ganz ohne Poesie aus, fristen ihr Leben herzabseits. In den Bussen und Bahnen, auf den Straßen und Plätzen, auf Rolltreppen und in Wartezimmern müßte die Verskunst gepflegt und genossen werden, als wären wir alle trunken oder hätten Anspruch auf leichten Schwung. Es ist wie bei allem: man muß einfach beginnen. Ich lerne jetzt ein Gedicht auswendig oder schreibe mir selbst eins. Wer mir begegnet, wird sich wundern.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
„Wir müßten uns zur Begrüßung am Morgen einen Vers zuwerfen, wie eine Blume oder einen Duft …“
jaaaa, einen Duft …
wie den der wilden heckenrosen im park nebenan
oder den betäubenden duft der heuwiese im juni, diesen aphrodisierenden, herb-süßen mix aus kräutern, gräsern, feldblumen …
wo kann man dich denn mal real treffen? mit dir eine schorle wein trinken, deine stimme hören in den ausflüssen deines geistes
oder sage ich jetzt besser: im duft deines geistes und herzens?
das wäre schön
ein sommertag in Berlin