März und Sonne. Hellrote Knospen an den Rosensträuchern. Noch umhüllt Kälte die Erde. Ein pathetischer Gedanke: wir haben überlebt. Nun krieche auch ich aus meinem Versteck. Zwei Monate mich lebend gestellt, obwohl ich tot war. Das sind die Kunststücke, die das Leben lehrt. Anwesend wirken, abwesend sein. Die Seele kauert sich ein, faltet sich zusammen, schrumpft auch meinetwegen. Jedenfalls ist nicht mehr viel los. Manche gehen auf Parties oder veranstalten welche. Ich müßte meinen Schatten schicken. Wenn ich friere, existiere ich nicht. Ich muß nicht jammern, aber ich mag. Jedes Jahr dieselbe verrückte Angelegenheit: Ist der Winter vorbei, stelle ich fest, daß ich ihn mit letzter Kraft absolviert habe. So wie man ein Trainingslager oder schlimmer noch: eine Besserungsanstalt überlebt, unter Bedingungen, die einen nur noch schlimmer werden lassen. Einige meinen, daß ich übertreibe. Ich behaupte, daß ich untertreibe. Die anderen müssen ja nicht in mir leben bei dieser Kälte, sondern woanders. Da mag es sich ja angenehmer anfühlen. Vielleicht ist mein Leib keine Winterwohnung. Die Kulturwissenschaftler sprechen von einem symbolischen Tod. Der ereilt mich des Winters, bereits Anfang Januar. Die kurzen Tage erscheinen mir endlos lang, finster und leer. Jeden Januar wieder nehme ich mir vor, einen dicken russischen Schinken zu lesen, Krieg und Frieden beispielsweise, und darin zu verschwinden. Da mir im Januar nichts einfällt, fällt mir auch dies nicht rechtzeitig ein, und wenn es mir wieder einfällt, ist es bereits März. So wird es nichts mit den Russen. Im März ist es zu spät für einen dicken russischen Schinken, jetzt benötige ich leichtere Kost. Ich weiß noch nicht, was ich lesen mag. Immerhin denke ich wieder ans Lesen. Ich nehme das als Zeichen meiner Genesung. Im Winter sind mir diejenigen am sympathischsten, die ebenfalls leiden. Ich möchte sie gleich in den Arm nehmen und wärmen. Wer aber laut flötet und optimistisch guckt, soll mich nicht anstecken wollen. Ich bin immun. Beschönigungen mißfallen mir das ganze Jahr über. Sie sind nie nötig, tun nie Gutes, bessern nichts. In der entgegengesetzten Richtung ist ebenfalls nichts zu holen. Die panischen Pessimisten sollen einen Verein gründen und dort ihren Expressionismus ausleben. Ich habe im Winter nur den einen Wunsch: gelassen zu werden. Wenn ich wieder aufwache, werde ich mich schon melden. Sollte ich während meiner Winterstarre etwas von mir geben, handelt es sich um kleine Wunder. Nun ist es März und ich werde mich gründlich rasieren und dazu schön laut Musik hören.
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