Erst flüstert der Wind, dann brüllt er

Sommerwinde fahren ins Laub und lassen es aufrauschen. Dazu die Stimmen im Garten, nur Stimmen, keine Sätze. Unversehens ein einzelnes Wort. Fenster schlagen zu, das macht der Wind. Im fernen Park trommeln sie, auch das trägt er herbei. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. In westlicher Ferne sollen Gewitter nahen. Sie werden uns nicht erreichen, es gibt am Abend ein wenig Regen in Berlin. Wir liegen ganz am Rand des westlichen Einflusses. Das ist auch der Grund, weshalb bloßes Existieren sich anders anfühlt hier. Die Luft ist trockener, das macht witzig. Auch die Tränen trocknen hier schneller, tun sie es nicht, muß man weg. Wer tief ist, dem ergeht es gut, denn die Stadt kommt dieser Tiefe nicht entgegen, läßt sie aber gelten. Schwermut ist nicht heilbar, doch lassen sich die Symptome abschwächen. Wer gar nichts von Berlin im Wesen hat, ist freilich verloren. Für diejenigen, über die wir in einer Runde gestern sprachen, ist Berlin nur Folie für den eigenen Auftritt. Dieser Auftritt ist kein individueller, sondern einer der Menge von ‚Gleichgesinnten‘. Worin diese Gesinnung besteht, ist fraglich. Ich hörte, daß es eine Klasse von weltweit agierenden Touristen gibt, die sich nicht wie Touristen fühlen, sondern stolz verkünden, sie lebten hier. ‚Hier‘ liegt in Australien, Thailand, Berlin. Berlin ist ein eigenes Land, aber darum geht es nicht. Sie leben an jenen angesagten Orten für ein halbes Jahr, haben Spielgeld, um über die Runden zu kommen, jobben in Bars, sprechen nicht die Landessprache. Wozu auch, sie ziehen ja weiter, dorthin, wo ‚jetzt‘ mehr los ist. Sie suchen und finden an jenen Orten, die sich herumsprechen wie einstmals die Goldfunde, ausschließlich Ihresgleichen. Ein heftiger Windstoß läßt die Gartentür zuknallen. Die Einheimischen sind ihnen gleichgültig, hat es den Anschein. Jedenfalls kommt es kaum zu Berührungen. Dazu müßte man sprechen können. Es erinnert an die riesige Russenkolonie in Berlin, in Charlottengrad, Anfang der zwanziger Jahre. Die Russen parkten hier, blieben unter sich, verachteten die proletarischen Berliner, diese Bratwurstesser und Bierschäumer. Sie waren allerdings auf der Flucht und nicht zum Vergnügen hier. Diese Neuen aber, über die wir gestern sprachen, sind zum Vergnügen hier, und einem guten Vergnügen sollte niemand abgeneigt sein. Doch haftet den Pinguinen etwas an, das mich abstößt. In ihrem Verhalten und ihrer Attitüde liegt etwas Verachtendes, Naseweises und überaus Dummes. Sofern sie nur nehmen und nichts geben, sind sie Touristen, sofern sie nichts und niemanden beachten außer sich und ihre Wirkung auf jene, die genauso sind wie sie, narzißtische Idioten. ‚Idiot‘ bezeichnete ursprünglich ein Mitglied der Polis, das sich um nichts schert. Heute bedeutet es Dummkopf, Laie, Stümper, Ignorant. Das Phänomen erreichte mich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre das erste Mal, in Göttingen: Da war eine ’neue Generation‘ an die Universität vorgedrungen, die Jahrgänge 1975 bis 1980. Die waren sorglos und anmaßend zugleich. Ich suchte damals eine Erklärung und fand sie darin, daß sie behüteter aufgewachsen waren, behütet in einem nicht ganz so guten Sinn, behütet im Sinn von: Du bist etwas ganz Besonderes, dir steht zu, daß … So züchtet man „Anspruchsunverschämtheit“ (Strauß) und neuen Dünkel heran, Eigenschaften, die mich in den Folgejahren in den Clinch geraten ließen mit den sogenannten ‚Bürgern‘. Sie achten nicht die Würde des anderen, sie achten nicht die Würde des Ortes, sie plappern alles zu mit ihrem Weitergeben dessen, was sie gehört oder gelesen haben, was man sehen muß und kennen sollte, wenn man so wie sie Bescheid weiß. Ich spreche von richtig dummen Menschen, und von richtig dummen Menschen kann man nur sprechen, wenn sie eigentlich ganz andere Möglichkeit haben: nämlich einsichtig, rücksichtsvoll, klug und umsichtig zu sprechen und zu handeln. Ich nannte sie damals Bunte Smarties, wußte aber noch nicht, daß ’smart‘ bald darauf zur Leitvokabel eines weltweiten Trends zur Aneignung von Lebenschancen werden würde. ‚Smart‘ bedeutet, schnell, gewitzt und schlau zu sein. Den Bunten Smarties räumten die Eltern die Hindernisse aus dem Weg, mit ihnen begann das Leben der totalen Verfügbarkeit aller Ressourcen (die Eltern verdienten anständig und gaben weiter, teilten aus, ermöglichten). Sie waren die Erwünschten, die Ermöglichten, die Bezuschußten, die Gepushten. Ihr Leben bestand aus Komfort und besten Aussichten auf ein rundherum abgesichertes Leben in einem Wunschbezirk der Welt. Es gab keine Kämpfe, alles wurde gestattet. Die Smarties waren die satten Opfer eines beispiellosen Wohlstands und zugleich Experiment. Was sie von den Pinguinen unterscheidet, ist der Leistungswille. Die Pinguine tendieren zum Schmarotzertum. Sie sind die nächste Drehung auf der Wohlstandsschraube der westlichen Industrienationen. Das bedingungslose Grundeinkommen fände unter ihnen begeisterte Unterstützer. Der Sinn der Arbeit erschließt sich ihnen kaum mehr. Erdung läßt nach, man hebt ab, hat vergessen, daß jedes einzelne Gut ein sichtbares Ergebnis von Arbeit ist. Wie konnte das geschehen? Die Antworten weiß nicht der Wind, dem sind sie egal. Die Antworten wissen die Eltern, die sich jedoch hilflos zeigen und sagen werden: So war das damals üblich, alle taten es, es wurde geradezu erwartet. Diese Eltern, das sind die Leute der fünfziger und sechziger Geburtsjahrgänge, die Boomer. Sie haben recht: Es war üblich so, alle taten es, es wurde erwartet. Wann die Wohlstandsschraube festsitzt oder bricht, werden wir in ein paar Jahren wissen. Ich vermute, wir bekommen demnächst eine Generation, die das Begnügen zelebriert, Formen der Askese sucht, findet und lebt und mit dem Wohlstandsdogma bricht. Eine Generation des Rückbaus, wenn man so möchte. Darin läge eine sinnvolle Überwindung des durch und durch unanständigen Lebensstils all dieser Nachkömmlinge der großen europäischen Katastrophe. Nun zieht das Unwetter doch herüber zu uns. Der Wind wütet. Es wird verzweifelt gesprochen, ich höre leider jedes Wort. Ansprechen gegen den aufbrausenden Wind. Alle suchen, alle sind verzweifelt. Die, die nicht suchen und nicht verzweifelt sind, werden es demnächst wieder sein. Ich bin kein Soziologe, ich lebe hier nur und gehe durch die Straßen und sehe und höre. Das hilft mir in meinem Kampf gegen die Schwermut, das kommt mir fast schon vor wie eine Tat. Ich weiß, daß gute Gedanken helfen.


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