Die Bibelerklärer vor der Bahnstation, freundliche und saubere Menschen mit einer positiven Einstellung, tatkräftig und hilfsbereit, um das Wohl ihrer Mitmenschen besorgt, denen bisher entgangen ist, daß in der Bibel zu finden ist, wonach sie sich insgeheim oder ausgesprochen sehnen. Die Bibelerklärer stehen dort nahezu täglich, stets zu zweit, falls einer von ihnen nicht mehr weiter weiß. Sie bekommen auch Besuch von Freunden, dann wird viel gelacht, was kein Wunder ist, da sie auf dem richtigen Wege sind, und da kann man recht besehen nicht mehr unglücklich sein. Stirbt einer aus dem engsten Kreis, ist dies Gottes Wille, und der Trost der Gemeinschaft wird sie oder ihn, der zu fallen droht, halten und tragen. „Reiner Zufall?“ lautet die rhetorische Frage auf ihrem Plakat, das irdisches Leben zeigen soll. Zufall ist der Lieblingstrick der Götter – wer sagte dies? Nun, sie widmen sich ebenfalls der nicht vollständig geklärten Entstehungsgeschichte des Lebens und wissen (Pointe), daß der Herr es geschaffen hat. Da sie davon auszugehen scheinen, daß es dem Herrn wichtig ist, anerkannt zu sehen, daß allein er es getan und vollbracht hat und nicht etwa die dumpfe und geistlose Materie selbst, propagieren sie ihren Standpunkt und verbreiten die Wahrheit, damit noch etliche der Ungläubigen dank ihres gemeinnützigen Tuns rechtzeitig gerettet werden können, ehe der Sturm losbricht und die Spreu vom Weizen trennt. Sie, die dort am Stand lächeln und auf Kundschaft warten, sehen aus wie erwachsene Bürgerkinder, gebildet, Abitur oder Mittlere Reife, fest im Leben stehend, beruflich anerkannt. Menschen sind komplexe Wesen, man kann nicht sicher sein, was sie aus den Informationen machen werden, die sie erhalten haben. Wenn ein großer Einzelner gute Gedanken hat und Erstaunliches leistet, werden sich im Handumdrehen welche finden, die ihm nachzueifern trachten. Die laufen dann in zu großen Schuhen und bemerken nicht, daß sie oft stolpern oder anstoßen und auch lächerlich wirken. Diese braven Bürgerchristen vor der U-Bahnstation dauern mich ein wenig. Es ist nicht angenehm, Menschen bei ihrem demonstrativen Gut- und Gerettetsein zuzusehen. Es ist, als überrasche man sie bei etwas, das keine Zeugen verträgt. Das Gutsein leidet nämlich. Gott tut mir leid, sagte eine Konfirmandin vor ein paar Jahren. Sie kam damals gerade aus ihrem Unterricht.
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