Die Schlange lebt

Gewaltige Wolken über der Stadt, schwarz und drohend, satt vor Zorn. Der Wind nimmt periodisch neu Anlauf und möchte zum Sturm sich steigern, doch gibt das die Lage nicht her. Auch ein Sturm kann sich erschöpfen und nicht jeden Weg gehen. Diesem ist es zu weit bis Berlin. Er schickt ein paar kräftigere Lüfte vor, die erleben wir jetzt. Vorm Pfandautomaten eine Schlange, und da niemand kam, um die Verstopfung zu beheben, standen wir dort lange und wurden mehr, wildfremde Menschen des Pfandflaschenproletariats, eine stumme und teilweise struppige Notgemeinschaft im Foyer von Kaiser’s & Tengelmann, die so pleite und verkaufsbereit sind (aber Edeka darf nicht), daß sie am Personal sparen und niemanden haben, der sich um die fleißigen Flaschenbringer kümmert. Niemand aus unserer Reihe lebt vom Flascheneinsammeln, wir alle konnten nur wenig geben. (Meistens sind Profis vor einem, die haben Straßen und Plätze leergeräumt und karren herbei, was die Karre hält. Natürlich nervt das und sorgt für Unmut, andererseits möchte man nicht tauschen.) Der Erste in der Reihe hatte vor einigen Minuten die Filialleitung oder einen Kassierer benachrichtigt, daß Verstopfung herrsche. Das war vor meiner Zeit dort in der Schlange. Es kam keiner. Die Schlange regte sich, unter uns erhob sich der berechtigte Unmut. So beginnen Revolutionen. Die beiden Strolche hinter mir hatten einen kleinen, etwas fetten Mischlingshund dabei, der noch süß genug aussah, daß diejenigen, die den Kaiser’s (mit dem Genitiv-Apostroph der Handelsmarken) mit vollen Taschen verließen, ihn streicheln oder kommentieren wollten. Als einer sich bückte, knurrte die süße Wurst. Da zuckte der Gebückte zurück, lachte aber sehr. Der eine Strolch sagte: Ganz recht, Emmi, gut sind nur die mit ’nem Schnitzel oder fünf Euro, alle anderen wer’n wa beißen. Die Stimmung stieg. Jetzt sprachen wir schon miteinander. Ein fröhlicher Araber kam vorbei und verspottete seinen Freund, der wegen einer PET-Flasche anstand und deshalb zu uns gehörte. Ich selbst mischte mich nun auch ein, sehr zu meinem Erstaunen. Was haben sie denn gesagt, als du Bescheid gesagt hast? Der ganz vorn antwortete: Daß sie gleich jemanden schicken. Er zuckte die Achseln. Ich hatte meinen Minikasten vor mir stehen. Den verließ ich nun und ging zum Kassierer, um mal nachzuhaken. Der hatte Panik in den Augen, war hilflos und überfordert, denn die Schlange an seiner Kasse war endlos lang. Ich hab dem Chef Bescheid gesagt, der kommt gleich, sagte er und widmete sich schnell wieder seiner Aufgabe. Dann möge er das bitte auch tun, vermerkte ich streng. Zurück bei meinen Jungs tat ich kund, daß gleich jemand käme. Sie waren begeistert und nahmen mich auf wieder auf. Mit den Strolchen sprach ich über die geisterhafte Lahmarschigkeit in allen mir bekannten Filialen des Anbieters. Ich staunte selbst, was ich alles wußte. Der Tätowierte mit der kurzen Bundeswehrhose und der beketteten Schirmmütze und den vielen Abzeichen an seiner Kutte wies mich kameradschaftlich, fast liebevoll darauf hin, daß ich doch schon einschieben könne, denn die Verstopfung betreffe doch nur das Einzelflaschenband. Er führte mich nach vorn an den Automaten und zeigte mir die Anzeige: Siehste, das eine Licht ist rot, das andere grün. Grün is‘ für deinen Kasten. Es funktionierte. Ich kam zu meinem Pfandbon. Die Stimmung war nun fast überschwenglich, denn „der Chef“ behob die Verstopfung am Einzelflascheneinzug. Alle wünschten mir noch einen schönen Abend, ich sagte: Ihr kommt auch gleich dran, zum Glück. Sie nickten, wir waren glücklich. Dann mußte ich sie verlassen, denn ich war losgelaufen, um einzukaufen. Freundlich entkettete ich einen Einkaufswagen und schob durch die Regalreihen, lud hier und dort ein. Mal wieder Bananen essen, die schmeckten doch immer gut. Als ich die Filiale verließ, war die Pfandflaschenschlange noch viel länger als zu meiner Zeit. Ich sah mir die Wartenden an, aber von meinen Jungs war niemand mehr dabei. Zum Glück. In dieser Schlange, die jetzt dort stand, herrschte Schweigen. Das lag daran, daß alles funktionierte.


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