Retroschlaufen. Das Großeltern-Syndrom

Daß ich mich einmal mit den Generationen herumschlagen werde, hätte ich nicht gedacht. Nun werde ich mit der Nase darauf gestoßen, denn mich umgeben die Alten, die Älteren, Mittleren, die Jüngeren und die Jungen. Die Einteilung in Generationen ist zwar zu grob. Es werden die Kinder nicht in Dreißigjahrsschüben geboren, sondern jederzeit. Und doch ähneln sich Erfahrungen, Einstellungen, Ansichten und Aussichten gewisser Geburtsjahrgänge. Sie teilen ein Lebensgefühl, sind demselben Zeitgeist unterworfen. Ob zustimmend oder ablehnend, spielt keine Rolle. Dafür und Dagegen sind Zwillinge, geeint durch das Problem. Das setzt Akzeptanz voraus. Zwei Pole, ein Magnet.

Ich spüre Unterschiede und suche nach den Gründen. Den mir zugänglichen Teil der ‚Wahrheit‘ über ‚meine Generation‘ habe ich bisher verschwiegen. Er ist in Vorbereitung, doch noch nicht reif. Stattdessen habe ich über Bunte Smarties und Pinguine geschrieben. Die Pinguine würde ich nach jüngeren Beobachtungen noch unterteilen in Hipster und Neohippies. Über ‚den Hipster‘ ist vieles gesagt. Mir fällt im Moment nichts mehr ein. Das Phänomen blaßt bereits aus, ist akzeptiert, etabliert, fällt kaum mehr auf. Alle sehen so aus im Alter von bis.

Die Neohippies sind auf dem Vormarsch, seit einigen Jahren, in den USA längst so etwas wie eine Bewegung. Eine bunt-romantische Horde kam mir vor drei Tagen auf der Hermannstraße entgegen, Italiener kurz über zwanzig, braungebrannt, ausgesuchte Stoffetzen am Leib, schlappe Hüte, Stirnbänder, Westen, Fransen, Knöpfe, Bänder, alles voll, trotzdem viel Haut, aufwendig zerzaustes Haar, Gitarren, eine Trommel, ein rhythmisch-elastischer Schritt, ein optimistisch lässiges Ausschreiten. Sie hatten ein Ziel, sie waren demonstrativ entspannt und gut gestimmt. Ich sah ihnen an, daß sie überzeugt waren, die ultimative Antwort auf die drängenden Schwierigkeiten der Welt zu sein. Durchaus altersgemäß, und Neues muß erprobt werden, und sei dieses Neue nichts als Renaissance und der Stil ein rührendes Retro. Sie sind Festivalleute, sie benötigen die ganz große Gemeinschaft. Coachella. Sie orientieren sich an ihren Großeltern, das ist die Erklärung. So taten es bereits die Hipster, die uns und sich eine Hommage an die Original-Hipster der vierziger und fünfziger Jahre darbrachten, wie angemessen auch immer.

Vielleicht ist dieser Sprung über die Eltern hinweg als Massenphänomen bereits erforscht. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Wir können es ja beobachten und an uns selbst erforschen. (Nein, bei uns in den sechziger Jahren Geborenen klappt das nicht, da die Großeltern Nazis waren oder unter Hitler kämpften. An die konnte man nicht anknüpfen. Doch seitdem geht das wieder.) Demnach bekommen wir alles wieder und wieder serviert, leben im permanenten Revival, da der Stilvorrat erschöpft ist. Bald tragen die ganz Jungen wieder Trachten und geben sich weltoffen regional. Nichts ist auszuschließen. Wer sucht, der findet. Wer Mode für oberflächlich hält, ist oberflächlich.


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