„Nach einer schlecht durchschlafenen Nacht kann uns niemand recht ausstehen. Der verpaßte Schlaf hat etwas von unserer Menschlichkeit mit sich genommen. Eine latente Gereiztheit scheint sogar in der uns umgebenden Luft zu liegen. Letztlich sind wir selbst es, die nicht mit uns einverstanden sind und zwischen uns wird die Diplomatie der geräuschlosen Schlacht ausgetragen. Heute habe ich meine Füße und meine Müdigkeit durch die Straßen geschleppt.“
So möchte ich schreiben können. Doch ich bin nicht Fernando Pessoa. Dieser Tag ist nicht der 2. Juli 1931 und ich lebe auch nicht in Lissabon. Ich habe von der weltberühmten Traurigkeit der Portugiesen gehört, zunächst musikalisch. Durch ihn, der kaum veröffentlichte und von seiner Schwermut, die er stopfte und mästete wie eine Gans, nach und nach zerfressen wurde, habe ich sie gelernt. Sie unterscheidet sich nicht prinzipiell von der mir zugänglichen Traurigkeit, doch enthält sie mehr Pathos. Ein Pathos müder Selbstverständlichkeit und der Einwilligung in den Untergang.
Er weiß buchstäblich, daß niemand ihn braucht. Er macht sich nichts mehr vor und er macht den anderen nichts vor. Er weiß, wie es um ihn steht. Das Leben: „eine Herberge, in der ich verweilen muß, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft.“ Während des Wartens komponiert er für sich allein „undeutliche Lieder“. Die Postkutsche, die ihn holt, wird bald kommen. „Wenn das, was ich ins Buch der Reisenden eingetragen zurücklasse, eines Tages von anderen gelesen wird und sie während der Durchreise unterhält, soll es gut sein. Wenn sie es nicht lesen und sich nicht damit unterhalten, ist es ebenfalls gut.“
Süßes Gift der Melancholie. Das Buch der Unruhe ist ein schweres Opiat. Die Dosierung entscheidet. Auch, ob man bereit ist dazu. Konsum (möglichst viel, möglichst alles) unmöglich. Man kann süchtig werden davon. Doch für dieses Buch, das gar nicht Buch werden sollte, muß man geboren sein, fürchte ich. Melancholie lernt man nicht. Wer ohne sie unterwegs ist, wird sie nicht missen. Wer sie kennt, würde sie vermissen. Sie zieht die Konturen nach und macht die Schatten tief. Man weiß auch mehr. Das kann schlimm sein.
Jeder lebt sein eigenes Verhängnis und erkämpft und behauptet fortschreitend (oder noch im Rückzug) das Recht, es verwirklichen zu dürfen. Sonst bleibt man allgemein und alles in allem doch wohl nichtssagend. Man muß scheitern, das lehren die Geschichten des Lebens über den Menschen, die nicht Märchen oder „pädagogisch“ sind. Erfolg ist exakt das, was erfolgt. Man kann sehr schön scheitern. Lustig sogar. Das zeigen sie auch. Doch die Herausforderung, die das eigene Wesen stellt, muß angenommen werden. Wozu gäbe es sonst Wesen?
Pessoa: „Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein.“ Mein Lieblingszitat lautet: „In seinem Hühnerstall, aus dem man ihn zum Schlachten herausholen wird, kräht der Hahn Hymnen auf die Freiheit, weil man ihm darin zwei Sitzstangen eingebaut hat.“
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