Gefühl und Gewalt

Die sogenannten guten Jungs: arglos, fröhlich, kräftig, grob, kindlich, laut, lustig, gutherzig, schlicht; machen sich keinen Kopp, wie sie hier sagen; sorgen für gute Stimmung auf der Party; finden nicht das richtige Maß, gehen stets zu weit; im Grunde ihres Herzens rührselig; bauen jede Menge Scheiße; sind von den Folgen ihres Tuns überfordert; neigen zu Schnellschüssen und Kurzschlußhandlungen; was sie tun, ist meistenfalls ‚heiß‘; kühlen Kopfes eine Entscheidung zu fällen oder zu agieren, ist ihnen nicht gegebenen; sind eigentlich harmlos, aber das wissen die Autoritäten nicht, mit denen sie sich immer wieder anlegen; untereinander ‚echte Brüder‘ oder wollen es sein; fürchten den Ernst des Lebens, fliehen ihn, als sei der die Pest; handeln sich Schlimmeres ein; wollen eigentlich nur leben – nur leben … Von diesen guten Jungs sterben jährlich Tausende, wandern in die Knastverliese dieser Welt, gehen zum Militär, bewerben sich bei der Legion oder beginnen doch noch eine Lehre, heiraten und gründen eine Familie. Erst dann sind sie sicher, diese Männerkinder.

Sie besitzen das, was die Intellektuellen, die Akademiker, die schlauen Angepaßten gerne hätten: wilde Echtheit, Abenteuer- und Wagemut, Dreistigkeit, Mutterwitz, Entschlossenheit, Bekenntnisfreude, physische Präsenz. Kluge Menschen sind überlegter, schätzen bei ihrem Tun und Sagen stets die Folgen ab, wirken dadurch unehrlich, manchmal sogar berechnend. Denken schafft Distanz, auch zu sich selbst. Die Selbstbeherrschten spüren ihre Antriebe oft nur rudimentär. Nach Jahren der Impulsunterdrückung gewöhnen sie sich daran, ihre Gefühle im Stich zu lassen. Sie leben gleichsam hinter einem Bild ihrer selbst und treten selten hervor. Das ist die Persona, die Maske, die präsentable Gestalt, eine Version von Ich. Diese sozialverträgliche Version von Ich wird über Anpassung gewonnen. Kluge Menschen wissen stets, was man von ihnen möchte, was gewünscht ist. Sie sehnen sich nach der Ursprünglichkeit, nach echtem Gefühl, nach Unmittelbarkeit. Doch die Filter sind tief eingebaut, die Zensur ist mächtig. Die zweite Natur hat die erste im Griff. Eines Tages dann ein Unfall, ein Versehen, eine falsche Bewegung. Davon lebt der bürgerliche Spielfilm.

So stehen sie da, die beiden Blöcke, nebeneinander und voneinander entfernt. Sie haben sich wenig zu sagen. In welchen Block man gerät, hängt vom Milieu ab. Die jungen Wilden werden im Alter oft langweilig, die klugen Beherrschten mit den Jahren vielleicht etwas interessanter. Es gibt Bewegung, es besteht Hoffnung. Was die einen zuwenig haben, haben die anderen zuviel und umgekehrt. Es gibt noch andere Blöcke. Ich habe mit den guten Jungs begonnen und ihnen dann die klugen Beherrrschten gegenüber gestellt. Jetzt weiß ich erstmal nicht mehr weiter. Der Beitrag handelt von Gefühl und Gewalt, glaube ich. Der Gewalt des Gefühls und dem Gefühl der Gewalt, der Gewalt durch das Gefühl und der Gewalt über das Gefühl. Eigentlich recht einfach. Ich gebe das jetzt mal raus.


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