Nicht mehr zuhause

Sommer, und die Stadt leert sich. Jeder fährt irgendwohin, einfach mal raus. Für ein paar Tage, ein paar Wochen hinüber und hinein in eine andere Landschaft, wo andere Menschen leben und arbeiten und sich Sorgen machen und Freude bereiten. Dort zu Gast sein und lernen: die Üblichkeiten (Manieren), die Besonderheiten, die Schwierigkeiten. Der Gast ist Gesandter seines Landes, seiner Gegend, seines Ortes. Er macht und hinterläßt ein Bild. Stets sind wir Repräsentanten – nicht allein und ausschließlich die Person eines Namens zu einer Geburt. Die Wahrnehmung geht vom Groben ins Feine, wie bei einer Rasterfahndung, dem ermittlungstechnischen Stolz der siebziger Jahre. Der Mensch ist ein geborener Induktivist, sagte Karsten einmal, den ich hiermit grüße. Macht er zweimal eine ähnliche Erfahrung mit Angehörigen einer bestimmten Gruppe, schlußfolgert er, sucht oder meidet fortan. Biologisch-soziales Erbe. Feuersalamander schmecken nicht.

Menschen haben das System und die Probleme der Frühabschreckung durch negative Repräsentanz erkannt und kulturell verfeinert, um Verwerfungen und anstrengende Konflikte zu vermeiden. Vorurteilskritik ist ein Grundbaustein der vorschulischen und schulischen Erziehung und weiterer Kurse und Benimm-Übungen im Wertegerüst dieses Landes, das stets gut sein muß und will, obwohl es so schlecht ist wie andere auch. Solange wir zahlen, hat sich niemand zu beschweren, denken manche deutsche Urlauber und blamieren nicht nur sich, sondern uns gleich mit, die wir ebenfalls aus diesem Land kommen, das solche Armutszeugnisse außer Landes lassen muß. Zum Glück konzentrieren sich die Reduzierten auf die Reservate, vom natürlichen Leben ausgeklinkte Zonen des lukrativen Irrsinns und der Verwüstung. Woanders begegnen sich zuweilen wirklich Menschen, lernen sich schätzen und tauschen sich aus. Das bedarf der Ruhe und Aufmerksamkeit. Ich lebe hier, weiß aber noch immer nicht, wie Deutschland und die Deutschen sind. Ein Reisender wird es mir sagen, mit vollem Recht.


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