Urlaub und Reisen (sofern man kann)

Da ich nicht in den Urlaub fahre, sitze ich hier und denke über Urlaub nach. Was schön daran ist und was nicht. Für einen gewissen Zeitraum woanders zu leben erfrischt. Der Kopf benötigt neue Bilder, der Körper mag in anderer Luft auf anderen Wegen wandeln. Er lief so oft die gleichen Wege, hätte sie im Schlaf gefunden. Das Leben fühlt sich augenblicklich anders an. Das Bewußtsein sucht in den Beständen, welche Beziehung zu jenem Ort besteht, an dem der Körper sich nun befindet. Vergleiche werden angestellt, Heimat und Fremde aufeinander bezogen. Es gibt Menschen, die betreten die Ferienwohnung, springen auf die Terrasse, werfen sich in einen liegebereiten Liegestuhl, strecken die Beine aus, werfen die Arme jubelnd in die Höhe und ächzen befreit: Jaaaaa. Weit weg von zuhause, das allein erzeugt Genuß. Endlich frei, sagt der Ruf. Doch nur für kurze Zeit.

Daß das Schöne enden muß, habe ich als Kind nicht begreifen können. Ich verstand nicht, warum man nicht dort bleibt, wo es schön ist. Abschiede sind eine Quälerei. Ich wehrte mich gegen den drohenden Zwang der menschgemachten Wirklichkeiten, instinktiv. Ich habe mich kaum geändert. Ich weiß nun Bescheid, aber überzeugt bin ich nicht. An einem Urlaubsort kann man allerdings nicht bleiben. Das ist leicht einzusehen. Wird die Ausnahmesituation zur Regel, erlischt ihr Zauber. Sofern es dort schön ist, wo die Beine baumeln sollen und die Seele auch gleich mit. Urlaub ist reinste Quälerei, wenn Unfrieden herrscht. Dicke Luft, der Elefant im Zimmer, die ganze Unzufriedenheit wie ein giftiger Nebel, das Atmen fällt schwer, der Elefant steht auf der eigenen Brust. Zu spät bereits, um noch zu schreien.

Es sollten nur Menschen miteinander reisen, die sich gut sind. Ich habe (wie nahezu jeder andere auch) in Urlauben den schlimmsten Horror erlebt. Hm … vermutlich war es lediglich Idiotie, ins Absurde gewendeter Blödsinn. Erst im Urlaub oder auf Reisen entpuppen sich liebe Menschen mit einem Mal und werden zu Zerrbildern ihrer selbst. Sie werden zernagt von einer scheußlichen Unzufriedenheit und lassen das spüren. In ihrer erbarmenswürdigen Hilflosigkeit hacken und picken sie nach allem, was sich bewegt. Oder sie schmieden Allianzen gegen den vorgeblich Schuldigen ihres weltenbewegenden Elends. Woher plötzlich dieser Haß? Denn mit Launenhaftigkeit und Mißstimmung hat das längst nichts mehr zu tun. Menschen sind gefährdet und gefährlich. Manche drehen durch und stechen, schneiden und verwunden. Der Halt des Alltags scheint ihnen zu fehlen. Sie rotieren, sie suchen nach Halt, finden ihn nirgends und beginnen ihre Raserei. Es ist die nackte Panik, die sie erfaßt hat und aus der sie nur schwer herausfinden. Zum Glück sind sie nach einiger Zeit erschöpft und brechen endlich zusammen.

Woher kann man wissen, ob jemand nicht nur faszinierend, sympathisch und klug ist, sondern auch verträglich? Was vermag die Menschenkenntnis? Ich bin mir nicht sicher. Die schlichten Charaktere neigen selten zu Ausbrüchen der oben skizzierten Art. Es sind die schwierigen, die komplexen, die interessanten Charaktere, die zu schaffen machen. Sie sind sich ja selbst schon ein Rätsel und keinesfalls Herrscher im eigenen Haus. Die Launen und die Wahnvorstellungen tanzen auf der Tenne und spielen Belustigung. Das ist zum einen Teil ein Schabernack, zum anderen Teufelei. Als Gequälte können sie prima quälen. Die Entschuldigungen eilen hinterher, es muß geflickt und verbunden werden. Das zertrümmerte Porzellan kommt in den Mülleimer, der auf Fußtritt aufspringt. Diese Meister der Entzweiung würden sich gern beherrschen können. Doch wie soll ihnen das gelingen? Die Therapeuten schnipsen bereits mit den Fingern.

Vor ein paar Jahren fiel mir eines Tages plötzlich ein, daß ich das Konzept Urlaub (Erlaubnis) nicht wirklich verstehe. Ich erinnerte mich verschiedener Situationen, als ich an Urlaubsorten unter dem freien Himmel stand, hinter mir das Haus für ein paar Tage, und nicht wußte, was ich dort, ausgerechnet dort sollte. Ich sollte mich dort erholen, rief ich mir in Erinnerung. Wovon denn erholen? Von dem Alltag, antwortete es. Ich brauche keinen Urlaub, ich brauche ein richtiges Leben, sagte ich etwas phrasenhaft. Ich wußte damals recht genau, was ich darunter verstand – ich vermißte den guten Sinn meiner Existenz. Ich lief leer in allem, was ich tat. Jedenfalls erschien es mir so. Mein Leben ergab keinen Sinn, beim besten Willen nicht. Ich war erschöpft vom Blödsinn, der mich umgab und mich am Wickel hatte. Alle fanden es normal, so ohne guten Sinn zu leben und sich die Tage zurechtzuschneidern. Ich konnte das nicht hinnehmen. Was soll mir ein Urlaub? Ich werde dort nichts finden, lediglich ein wenig sehen.

Reisen ist etwas anderes. Reisen ist Unterwegssein, ist Bewegung und Drift. Man weiß nie, was als nächstes geschieht. Das ist aufregend und anstrengend, aber man lernt viel und schmiegt sich den Landschaften an. Die Topographie wird zur Seelenlandschaft, sie drückt sich ein und verändert. Der Schmerz der Freiheit wird spürbar. Die Entfernungen wachsen, man bekommt es mit der Angst zu tun. So far away from home. Demnach noch weiter, damit auch das keine Rolle mehr spielt. Endlich reißt der Faden. Wir sind nicht Kettenhunde, wir sind die struppigen Streuner, die sich ans Festmahl des Lebens heranschnuppern. Bald ist man nur noch ein braungebrannter Unbekannter unter fremder Sonne. Irgendwann kehrt man um, weil die Restvernunft siegt. Rückkehr ins alte Leben, doch ein wenig verwandelt. Von den Eindrücken zehrt man lange. Man war wirklich ganz woanders mit sich selbst.


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