Nachts 1° C in Berlin. Die drei Bundesländer haben gewählt, erste Deutungen der Wahlergebnisse sind zu lesen. Das politische Establishment zeigt sich einerseits geschockt, andererseits erleichtert. Es hätte schlimmer kommen können: – Angst vor der Bevölkerung, dem Wahlvolk, jenen Unberechenbaren dort draußen im Land.
Das Hauptanliegen der einstweilen großen Wählerschaft der AfD läßt sich in eine Frage kleiden. Sie ist vorwurfsvoll an die Politik und die Politiker gerichtet und lautet: Warum habt ihr es nicht geschafft, uns vor der Wirklichkeit zu schützen?
Politik als Schutz vor der Wirklichkeit, ein Tauberbischofsheim eskapistischer Daseinsgestaltung. Möge der Dritte Weltkrieg ausbrechen, die Pest den halben Erdball umrasen, im Yellowstone Nationalpark die Erdkruste brechen. Einzig wichtig, daß die eigene Hemisphäre unangetastet bleibt, es der Familie gut geht und den eigenen Verwandten.
In die Politik gewendetes Spießertum. Doch mit der Polis, dem Gemeinwesen, hat dieses enge Sorgentum nichts zu tun – lediglich mit den Bezirken kleinbürgerlicher Überschaubarkeit und ihren jeweiligen Horizonten. Frage: Muß man den Menschen täglich neu die Welt erklären? Antwort: Man sollte. Frage: Wer ist man? Antwort: Man sind die, die solches können.
Wie geht es weiter? Einfach zu beantworten: Die etablierten Parteien werden erklären, daß sie die AfD ablehnen und abscheulich finden, die Sorgen der Bürger jedoch ernstnehmen. Sie werden versprechen, die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren, um nicht weiteren Unmut (und schmerzhafte Wahlverluste) auf sich zu ziehen.
Die deutsche Scheckbuchdiplomatie ist zurück. Deutschland kauft sich frei. Die Türkei und andere Staaten entlang der Flüchtlingsrouten sollen es stemmen: aufnehmen, versorgen, beherbergen, zurückschicken. Auf diese Weise entledigt man sich eines humanitären Problems. Dafür wird gezahlt.
In den deutschen Familien und Einzelwesen stärkt das den Eindruck, man könne sich tatsächlich und wirksam vor der Wirklichkeit schützen. Da die Menschen, mich eingeschlossen, Illusionen so sehr lieben und sie benötigen, um überhaupt existieren (und das bedeutet: hoffen) zu können, verstehe ich diesen Wunsch. Doch wird ihm nicht entsprochen werden. Die Wirklichkeit kommt in Wellen, wieder und wieder, und erinnert an die Zustände andernorts und hier.
Die Welt mag ein Tollhaus der Angst und des Schreckens sein, und sicher quetscht die Saftpresse weiter. Die kleinen politischen Mucker protestieren eifrig und wählen eine Gruppierung, die es geschafft hat, die kleinen Leute für sich zu mobilisieren, ohne daß die kleinen Leute wissen, für welche Seite sie damit optieren.
Dieser Abend ist reichlich vertrackt, selbst wenn man müde wird … der Phrasen … der Gegenphrasen … dem Geschehen und seinem Echo … Echo … Echo …
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