Ich habe (wie andere auch) unter den Vorschriftenmachern gelitten. Sie haben mir Angst gemacht, mich erfolgreich einzuschüchtern versucht, bis ich nicht mehr wußte, daß ich eine Stimme habe. Schlimme Jahre lang. Sie wissen etwas und lassen andere darunter leiden. Befinden sich im Besitz nicht nur des Wissens, sondern auch der Maßstäbe, der Vergleichsgrößen, der angemessenen Art zu sprechen. Sie möchten bestimmen und herrschen, leben ihren Machtinstinkt und genießen auf eine etwas perverse Art den Vorsprung, den sie auf ein, zwei Gebieten aufgebaut haben. Daß sie Rechthaber sind, versteht sich.
Das führt uns nach Richtigland, dem Zweitnamen für die Gegend zwischen Nordsee und Alpen, Rhein und Oder. Hier, wo man erst aufatmen kann, wenn etwas richtig gemacht wird. Wir sollen richtig reisen, spielen, speisen, lieben, abnehmen, krank sein, Bier trinken, träumen, reiten, liegen, scheißen, fallen, sterben. Macht man etwas falsch, gleich kleinlaut, fast Sünde, nahezu unverzeihlich. Lieber gar nicht erst probieren, könnte in die Hose gehen. Wir sind sehr schamhaft, wurden so erzogen. Wir bestaunen andere, die ohne Hemmungen zu leben scheinen. Wie man eine bisher unbekannte Tierart betrachtet, mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier.
Der Vorschriftenmacher ist niemals kreativ. Ihm fällt buchstäblich nichts ein. Er ist der Gehemmte, der andere hemmt. Aber nahezu kindlich in der Verehrung jener anerkannten Autoritäten, an denen er sich orientiert. Er kommt nicht frei. Vielleicht ist er ein guter Verwalter, Archivar, Treuhänder. Er besorgt es sich in den Beständen. Das hat etwas von einem Hamster oder einem dieser anderen fleißigen Nagetiere. Natürlich wird er benötigt, ist sogar nützlich – wenn man ihm seinen Raum zuweist. Auch und vor allem in sich selbst. Es kann ja draußen nichts Machtvolles geschehen, wenn es nicht innerlich Resonanz erzeugte. Der innere Klugscheißer horcht dann auf und wedelt mit dem Schwanz. Er hechelt schon, wartet auf den Einsatzbefehl. Drauftreten. Oder ihn in die entgegengesetzte Richtung, also auf Fehlersuche schicken. Dann ist er beschäftigt und nervt nicht.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.