Ein Mensch verschwindet und das ganze Land wird alarmiert. Ich lese auf Spiegel Online: „Vier Tage war Anneli verschwunden, vier Tage lang dauerte die verzweifelte Suche nach der 17-Jährigen aus Sachsen. Dann fanden Ermittler auf einem Hof bei Meißen eine Leiche. Nun gibt es traurige Gewissheit: Anneli ist tot, wie Polizei und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz in Dresden mitteilten.“
Die Suche ist eine „verzweifelte“, die Gewißheit eine „traurige“. Die Attribute ließen sich weglassen, die Nachricht klänge dennoch nicht herzlos. Nachrichten haben überdies nicht die Aufgabe, Gefühle zu transportieren oder auszulösen. Das Tränendrückerische der Medienberichte – mit solchen Geschichten aus dem gefährdeten Leben wird professionell und routiniert Kasse gemacht. Der Schrecken erzeugt einen Sog. Die Zuschauer strömen zu, nehmen Anteil und können sich berührt fühlen. Ein eigenartiger Taumel erfaßt sie. Als sei der Wolf in der Herde, als ginge es ans Fell.
Es liegt ein perverses Vergnügen in der öffentlichen Aufbereitung und kollektiven Wahrnehmung solcher Straftaten. Da ist diese eigenartige Behaglichkeit der Davongekommenen angesichts des Verbrechens in der Ferne. Man rückt instinktiv zusammen, tauscht Meinungen aus, bildet eine Gefühlsgemeinschaft. Sie war ein bildhübsches Mädchen, wird gesagt. Als wiege deren Tod schwerer als der eines häßlichen Entleins.
Deutlich wird, daß Verbrechen der Gemeinschaft helfen, sich zu finden, auszurichten und zu bestätigen. Vermutlich liegt darin ihr anthropologischer Sinn. (Er erklärt allerdings nicht den frivolen Kitzel, den die Berichterstattung kennt und beim Publikum bedient.) Die Leute tuscheln aufgeregt und ziehen die Konturen ihrer Bekundungen des Entsetzens und Mitfühlens noch einmal nach. Die Gruppe erzieht sich angesichts des Schreckens zu erwünschtem Reaktionsverhalten.
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