Rettung durch Abstraktion

Namenwörter sind Sarkophage. In der Buchstabenfolge T-s-c-h-e-r-n-o-b-y-l sind hunderttausend Tote, Gegenwart und Zukunft des Lebens einer Landschaft eingeschlossen. Wer Tschernobyl sagt, weiß das. Er übergibt diesen Inhalt seinem Gesprächspartner, der ihn sonstwohin stellt. Wir tauschen uns aus, als hätten wir die Verfügungsgewalt, als könnten wir so viel auf einmal verstehen. Die Gefahr des fahrlässigen Gebrauchs liegt nah. Ich lief mal mit einer Freundin durch das Berlin der neunziger Jahre. Sie sagte: Dort ist die Topographie des Terrors und morgen fahren wir zum Haus der Wannsee-Konferenz. Wo stand eigentlich der Führerbunker? Ich dachte damals: wir waten knietief durch Blut oder steigen über totes Fleisch. Selbst einfache Begriffe wie Unfall oder Operation enthalten eine Vielzahl an Schrecken, Furcht und Leid. Die Sprache hebt darüber hinweg und neutralisiert. So gelangen wir unbeschadet an das Ziel unseres Aussagesatzes – an den Eingeschlossenen und ihren Geschichten vorbei. Zum dreißigsten Jahrestag der Reaktorkatastrophe zeigen die Medien Photos vom Ort des Geschehens. Eben sehe ich die Bilder der Serie Prypyat Mon Amour von Alina Rudya. Die Photographin ist ein Tschernobyl-Kind, war ein Jahr alt, als sie mit ihrer Familie evakuiert werden mußte. Sie besichtigt einen Ort, der niemals Heimat wurde. Sie wolle die Schönheit dokumentieren, erklärt sie. Die Schönheit nach den Menschen scheint gemeint zu sein.


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