Produktion und Intervention

Das LoFi-Dogma „zur Rückeroberung von Risiko und Zufall in der Produktion von Musik“ enthält drei (von neun) Bedingungen, die mich besonders interessieren: „1. Ein Lied muss an einem Tag aufgenommen werden. […] 8.Im Nachhinein darf nichts geschnitten, hinzugefügt oder korrigiert werden. 9. Es muss ein Ergebnis veröffentlicht werden.“ Gezeichnet zu Zürich am 27.3.2007. Das protestantisch-puritanistische Erbe lebt. Fortgesetzte Reinigungsbemühung. Folge des akustischen Overkills, der die Pop-Musik ruiniert. „Less is the new more“ – eine Wahrheit, die sich herumgesprochen hat und im gesellschaftlichen Leben einzulösen beginnt. Ich lese heraus: Tagesform ist keine Schande. Die Entstehungsbedingung ist Teil des Werks. Der Authentizität gebührt der Vorrang vor der Perfektion. Das ergibt eine treffende Beschreibung von Lebendigkeit. Der Augenblick zählt, wenngleich er nicht alles sein kann (und auch nicht ist). Der eingefangene Augenblickswert ist ein Schaffens-, Wahrnehmungs- und Zustandsdokument. Er behält künstlerisch insbesondere dann recht, wenn die anschließenden Produktionsschritte doch nur bewirken, daß abgestandener Konformismus bedient wird. Dies auch als Kommentar zur „Genialität“ von Prince, einer etwas bunteren Figur im Zirkus aus Geld und Glamour, der der Musik um den Hals hängt wie ein Mühlstein.


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Produktion und Intervention

Ein Gedanke zu „Produktion und Intervention“

  1. Hallo Holger,
    im Grunde gebe ich Dir recht, der Perfektionismus ruiniert die Popmusik usw.
    Aber ich finde, Prince ist trotzdem toll, auch Michael Jackson, der an seinen Hunderten von Spuren herumgedoktert hat, bis es ihm selber so gut gefiel, daß er es veröffentlichen mochte.
    Ich selber höre ja auch nicht den glattgebügelten Mainstream-Pop; trotzdem frage ich mich, was eigentlich das Problem ist, was Du in Deinem Text ansprichst.
    Du selber schreibst ja auch nicht mehr mit Schreibmaschine, sondern überfliegst zumindest Deine Zeilen und korrigierst sie, bevor Du sie veröffentlichst. Was ist da der grandiose Unterschied zu Schneiden und Nachbearbeiten in der Popmusik, frage ich mich? Laß uns nicht die Maschinen überhand nehmen, aber sollen wir uns jetzt alle wie Neil Young in unsere kleine 70er Jahre-Retro-LP-Analog-Telefonzelle zurückziehen, nur weil es der wahre, puristische Geschmack gebietet?

    Schön ist es, live und direkt vor Leuten zu spielen, das wird sich auch nie ändern und für mich auch immer das Beste sein. Aber sobald Du im Studio bist, gilt es, Entscheidungen zu treffen. Beim Thema „puritanisch“ denke gerade an die „Dogma-Filme“ von Lars von Trier/Vinterberg. Hierzu ein kurzer (kopierter) Text:

    Am 13. März 1995 unterzeichneten die dänischen Regisseure Lars von Trier, Thomas Vinterberg und ihre Kollegen Christian Levring und Soren Kragh-Jacobsen ein Manifest, das sie eine Woche später im Pariser Odeon-Theater vorstellten, zum 100. Geburtstag des Kinos. Das Manifest enthielt xx Gebote, eine Art Keuschheitsgelübde zum Zweck der größeren Wahrhaftigkeit von Kinofilmen. Die beiden ersten Dogma-Filme, Vinterbergs „Das Fest“ und von Triers „Idioten“ wurden 1998 in Cannes vorgestellt. An das strenge Regelwerk hat sich aber selbst damals kaum einer der Dogma-Filmer ohne Ausnahme gehalten. Hier die Gebote im Einzelnen.

    DIE 10 GEBOTE VON DOGMA 95:
    Im Vorspann zu den Geboten prangern die Dogma-Filmer das „dekadente“ Kino ihrer Zeit an, dessen oberstes Ziel es sei, das Publikum zu täuschen. Wörtlich heißt es: „Ist es das, was diese ,100 Jahre‘ uns gebracht haben? Illusionen, über die Emotionen kommuniziert werden können? Durch die freie Wahl der Tricks durch den individuellen Künstler? Vorhersagbarkeit ist das Goldene Kalb geworden, um das wir herumtanzen. … Wie nie zuvor feiert die oberflächliche Action und das oberflächliche Kino Erfolge. Das Ergebnis ist wertlos, die Illusion von Pathos, die Illusion von Liebe. Für Dogma 95 ist Kino keine Illusion! … Dogma 95 tritt dem Illusions-Film entgegen und präsentiert eine unverbrüchliche Liste von Regeln, genannt:

    DAS KEUSCHHEITSGELÜBDE

    1. Es muss am Originalschauplatz gedreht werden, Requisiten und Sets dürfen nicht verwendet werden.

    2. Der Ton darf niemals unabhängig von den Bildern entstehen und umgekehrt. Musik darf nicht eingesetzt werden, es sei denn, sie taucht in der Szene selbst auf.
    3. Es darf nur mit Handkamera gedreht werden. Jede Bewegung und jede Stabilisierung, die von Hand möglich ist, ist erlaubt. (Der Film darf nicht da spielen, wo die
    Kamera steht, sondern es muss da gedreht werden, wo der Film spielt.)
    4. Der Film muss in Farbe sein. Spezielles Licht ist nicht erlaubt. (Wenn zu wenig Licht vorhanden ist, muss die Szene geschnitten werden oder es wird eine einfache Lampe an der Kamera angebracht.)

    5. Optische Tricks und Filter sind verboten.

    6. Der Film darf keine oberflächliche Action enthalten. (Morde, Waffen etc. dürfen nicht vorkommen.)

    7. Zeitliche und geographische Verfremdung sind verboten (Das heißt, der Film findet im Hier und Jetzt statt.

    8. Genre-Filme sind nicht erlaubt.

    9. Der Film muss im Academy-35-Millimeter-Format gedreht werden

    10. Der Regisseur bekommt keinen Credit.

    Darüber hinaus gelobe ich, mich als Regisseur des persönlichen Geschmacks zu enthalten. Ich bin kein Künstler mehr. Ich schwöre, nicht mehr auf ein „Werk“ hinzuarbeiten und dem Augenblick mehr Gewicht beizumessen als dem Ganzen. Mein höchstes Ziel ist es, meinen Figuren und Szenen die Wahrheit abzuringen. Ich schwöre, dies mit allen verfügbaren Mitteln zu tun, auf Kosten jeglichen guten Geschmacks und ästhetischer Überlegungen.“ .

    Ende des Zitats.

    Das finde ich alles toll, und ich finde vor allem die beiden Filme „Das Fest“ und „Idioten“ großartig.
    Aber ich glaube und hoffe, daß ich diese Filme nicht wegen, sondern vielleicht sogar trotz ihres Konzepts gut fand. Und sie berühren und bewegen mich nicht mehr oder minder als eine Menge Filme, die gegen alle Dogma-Gelübde verstoßen.

    Und auch was die Musik angeht (und alles andere eigentlich auch), bin ich einfach sehr skeptisch gegenüber diesen „fertigen“ Konzepten und Erwartungen. Letztlich berührt es Dich, oder nicht. Und das kann Beyoncé sein oder die Stones.
    Tagesform ist keine Schande, im Gegenteil, sie ist da oder nicht, aber wenn sie da ist, sollte es doch auch keine Schande sein, sich die Zange oder den Hammer, oder was auch immer gerade da ist, zur Hand zu nehmen, um es so zurechtzuzimmern, wie es einem gefällt. Denn das ist einfach nur Handwerk, und hat erstmal überhaupt nichts mit Genialität und Glamour zu tun.

    Das ist auch schon alles, was ich sagen wollte!
    Zum Aufstehen empfehle ich:

    „Musicology“ von Prince.

    Geiler Song.

    Gute Nacht!!

    Dirk

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