Er sah mich kommen, wendete und lief zurück unter das geparkte Auto. Er erkannte, daß ich nicht ihn ansteuerte, sondern lediglich Passant war, kam wieder hervor und beobachtete meine Schritte, neugierig wie einer, der niemals genug wissen kann.
Ich habe seit mindestens zwanzig Jahren keinen Marder mehr gesehen. Dort, wo ich sie kennen und fürchten lernte, holten sie die Hühner, gerieten dabei in einen Blutrausch und schlachteten sie ab. Einmal lagen sechs tote Hühner am Boden des Stalls mit aufgerissenen Hälsen, unverspeist, nicht einmal angenagt. Ich hatte vergessen, die Hühnerklappe rechtzeitig zu schließen, jene Öffnung ins Freie zum Hühnerhof hinaus, durch die der nachtaktive Steinmarder einschlüpfte und seinen Begierden nachging.
Unsere Hühner legten die Eier und wurden zu Hühnerfrikassee, wenn sie ausgedient hatten. Ich mochte Hühner nicht, damals. Allein die Art, wie sie mit ihrem Kopf rucken müssen, damit das Hirn eine jeweils aktuelle optische Information erhält, erschien mir bedenklich. Kam ein Auto und sie saßen am Straßenrand, wußten sie nicht, wohin. Manche von ihnen stürzten aufgeregt auf die Straße, landeten im Kühlergrill, unter dem Wagen, vor der Windschutzscheibe und verstarben.
Dauernd zeterten sie herum wie unzufriedene alte Weiber. Das „U Gutte Gutte Gutt“ meiner Bauerngroßmutter klang nicht ganz unähnlich. Auch sie war unzufrieden und hatte sich das Zetern angewöhnt, eine Art Klage, nicht nur über ihren Mann, einen bartstoppeligen Kriegsheimkehrer, der gütig und cholerisch zugleich war, sondern über die Geschicke des Menschen in der Welt im allgemeinen und das kleinbäuerliche Leben im besonderen. Ich entstamme einer Hühnerwelt und achte deshalb den Marder.
Als ich nicht einmal sechs Jahre alt war, schoß ich mit Pfeil und Bogen auf unseren damaligen Hahn, einen stattlichen Provinzfürsten mit ausgeprägtem Machtinstinkt und der Eitelkeit eines Geschmückten. Ich traf ihn, und er erkannte mich und rannte los. Es begann die erste Verfolgungsjagd meines Lebens. Hinter mir der rachsüchtige Hahn, ich der Fliehende, etwa so groß wie ein Spazierstock, vermutlich kleiner. Wir rannten im Kreis um das zum Waschen abgestellte Auto herum, einen VW 1600 Fließheck. Mein Vater lachte, der Nachbarbauer lachte, ich fürchtete um mein Leben und rannte weiter. Endlich gab er auf und kehrte gravitätisch schreitend zu seinen Hofdamen zurück, die ihn sicher beobachtet hatten und nun wußten, daß er der Richtige war. Er hatte mich in die Flucht geschlagen. Ich war der kleine Schütze, dessen Pfeil den Falschen getroffen hatte. So lernt man. Später dann die Sache mit dem Marder.
Noch heute wache ich manchmal schweißgebadet auf, weil ich vergessen habe, die Tiere zu füttern oder die Hühnerklappe bei Einbruch der Dunkelheit zu schließen. Dazu nun das Gesicht dieses Steinmarders unter dem Auto.
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