Je länger Geschichten zurückliegen, desto unwahrscheinlicher klingen sie. Vor kurzem erzählte ich von meinen ersten Lebensjahren, dem gefürchteten Weg in den Stall, an den Kühen und Schweinen vorbei zum Plumpsklo. Ich mußte achtgeben, daß ich bei Erklettern des Holzsitzes mit der eingeschnittenen Öffnung nicht in die Jauchegrube fiel. Die war zu tief, ich wäre ertrunken. Es stank dort, an den Seitenwänden des Schachtes unter mir saßen weiße Maden. Abgeputzt wurde mit sorgfältig zurechtgeschnittenem Zeitungspapier. Niemals hätte man Geld ausgegeben für teures Toilettenpapier. Das mochten die verwöhnten Städter benutzen – wir waren arme Bauern, auch wenn unser Vater in die Stadt zur Arbeit fuhr und dort in einem Büro arbeitete. Wenig später bekamen wir dann eine Toilette im Haus mit Wasserspülung. Ich rede von jener Zeit, als ich eben groß genug war, um allein aufs Klo zu gehen und dabei auf mich aufzupassen. Ende der Sechziger wird das gewesen sein. Dann kam der Fortschritt und wirklich alle wurden modern. Als ich das erzählte, kam ich mir vor, als sei ich hundert Jahre alt und stammte aus einer anderen Zeit. Tatsächlich habe ich jene andere Zeit, als die Menschen auf dem Land arm, gottesfürchtig und abergläubisch waren, gerade noch erwischt. Wäre ich nicht bereits 1964, sondern erst 1970 geboren worden, hätte ich mir den unheimlichen Weg durch den Stall und die Furcht beim Besteigen des gefährlichen Hochsitzes erspart, mir selbst und anderen diese Geschichte. Nun frage ich mich, wie die Zeitschwellen ausgelegt sind. Schreibmaschinengeklapper abends und nachts in den Universitätsstädten. Hausarbeiten und Abschlußarbeiten klangen nach Druck und Mechanik. Wenn ich noch viel älter werde, glaubt mir kein Mensch mehr. Zeitreisendes Bewußtsein wahrer Begebenheiten, die auch deshalb unwahrscheinlich klingen, weil die Gegenwart an sich glaubt und ihren Stand der Dinge absolut setzen möchte. Nichts ist er weniger. Ein jeder erlebt in diesem letzten Entwicklungsstand bereits jetzt seine eigene unwahrscheinliche Vergangenheit der Zukunft. Wir stürzen durch die Zeit wie Verfolgte. Die alten Geschichten sind Rastplätze, doch bei näherem Hinsehen ganz und gar nicht beruhigend. Ich frage mich auch, wann „die gute alte Zeit“ eigentlich stattgefunden hat. Vermutlich habe ich sie verpaßt oder saß gerade auf dem Plumpsklo und zitterte vor Kälte oder Furcht. Lieber in die Hose machen als dorthin.
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