Das macht etwas mit uns (II)

Die Registrierstellen versuchen zu zählen. Die Ämter rotieren und absolvieren die anfallende Arbeit. Die übergeordneten Behörden sind bemüht, den Überblick zu behalten und Ressourcen zu verteilen. In den Auffanglagern herrscht Betriebsamkeit. Die Verkehrswege werden zu Routen des Hoffens und Bangens. Die Landesgrenzen sind durchlässig undurchlässig. Die Flüchtenden lassen sich nicht stoppen, nirgendwo, müssen sich stoppen lassen, irgendwo. Hierzulande eine Art Erwachen wie aus Traum und Trauma: die alte, nicht geheilte Flüchtlingswunde bricht endlich auf. So viele der Einheimischen sind Kinder und Enkel der Flüchtlinge aus den Ostgebieten des ehemaligen Reiches. Jeder fünfte Deutsche ist Kind von Einwanderern oder ist selbst eingewandert.

Erst die häßlichen Bilder und Nachrichten von Ablehnung, Blockadehaltung, brennenden Flüchtlingsheimen. Dann die Gegenbewegung des betont freundlichen Aufnehmens und Willkommenheißens der vorerst neuesten Bewohner des Landes. Ich registriere die Bewegungen und Regungen und vermute, daß diese Herausforderung exakt das ist, was diesem Land und seiner Bewohnerschaft gefehlt hat. Daß sie nämlich aufgeweckt wird aus ihrer Selbstbezüglichkeit, dem Selbstmitleid, der Idiotie sogenannter Probleme, dem Verdaddeln von Zeit, Geduld, Schaffenskraft, Erfindungsreichtum, Denkanstrengung. Es geht erstmals seit langem wieder um etwas Ernstes. Das vermittelt sich und wird verstanden. Als hätten nahezu alle auf diese oder eine andere Bewährungsprobe gewartet. Wer kann was leisten, was wird wo benötigt, wer hat noch eine schöne Idee? Dem kommt entgegen, daß die Flüchtlinge sympathisch sind, überwiegend Mittelstandsleute mit Bildung und Manieren. Nicht jeder kann sich diese Fluchtwege, die Passagen sind, leisten.

Ich notiere dies hier spät nachts noch, da ich eben daran erinnert wurde, daß ich einmal gesagt hätte, wenn wir hier noch zehn Jahre in dieser Art von Frieden leben, drehten die Leute total durch und steigerten ihre Unverschämtheit zusammen mit ihrer Unkenntnis ins Grenzenlose. Ich habe das tatsächlich gesagt und immer angefügt, daß ich mir selbstverständlich keinen Krieg oder eine andere Notsituation wünsche – wer bitte wünscht sich so etwas? –,  sondern nur bemerke, daß die Leute hier allmählich durchdrehen. Nun erinnert sie das böse Schicksal anderer daran, worum es eigentlich im Leben geht. Ursprünglich nämlich um Grundlegendes, anschließend um Folgendes, erst dann um Besonderes, ganz zuletzt um Absonderliches.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das macht etwas mit uns (II)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert