Ehrfurcht auch vor den wilden und mächtigen Tieren der fernen Steppen und Wälder. Nun liefen, saßen, standen oder lagen sie vor mir in Käfigen, Stallungen, Höhlen, eingezäunten Arealen. Ich war klein, ein Kind, das erste oder zweite Mal in einem Zoo oder „Tierpark“. Hinter den Gittern, wie in Rilkes Gedicht, ein Raubtier, federnden Schrittes auf und ab, entlang der Stäbe, auf endloser Wanderschaft von der einen in die andere Ecke und zurück. Draußen in Freiheit standen die menschlichen Familien, Eltern und Kinder. Eines dieser Kinder war ich. Ich hatte nur Augen für die Majestät (Hoheit) dieser mächtigen Tiere und bestaunte sie wie lebende Gottheiten. Um mich lärmte meinesgleichen, die Horde der Vergnügten, von klein bis groß, allesamt vergnügt ob der Sensation, hier und jetzt das zu sehen, was sonst nirgendwo zu sehen war: eine ungefährliche Gefahr, eine Wildheit, ein eingesperrtes Absolutum. Lag eine Großkatze faul oder schläfrig, warfen sie Stöckchen oder Steine oder suchten sich etwas, um das Tier zu bewegen, aufzustehen und sich zu zeigen. Die Tiere waren abgebrüht oder abgestumpft oder völlig erledigt; sie taten nicht das Erwünschte, sie hoben nicht die Tatze, sie zeigten nicht, was sie hätten tun können oder müssen, wären die Stäbe nicht. Sie blieben liegen und ignorierten das ganz und gar Unwichtige, nämlich uns Betrachter ihres Schicksals. Das erhob sie in meinen Augen sehr. Ich ersann auch Rache, hätte der lärmenden Schar meiner Art-Idioten gern die Käfigtür öffnen lassen, damit sie Gelegenheit hätten, von du zu du die Sache der Bekanntschaft auszuhandeln. Unermeßlich mein Schrecken, als ich einer Raubtierfütterung beiwohnte, viele Jahre später. Die Löwen schrien, daß mein Herz vor Furcht hätte aufhören müssen zu schlagen. Ein Löwe nach dem anderen stimmte ein in den Gesang der kommenden Fleischmahlzeit, und sie waren hungrig. Die Hyäne heulte mit, abseits und geduldet. Die Schimpansen bewarfen sich mit Kot, manche knallten wieder und wieder ihren Kopf gegen die Wand, andere nickten stundenlang mit dem Kopf. Man begriff augenblicklich, daß man die Irrenanstalt für Primaten betreten hatte. Wir Menschen stehen staunend am Fenster oder hinter Gittern und sind durch und durch ratlos und traurig und möchten nicht zu einer Spezies gehören, die andere Arten ausstellt und preisgibt. Doch gehören wir oder werden gezählt.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.