Vielleicht ist es ganz anders

I:

Vielleicht ist es ganz anders. Vielleicht würden die Leute durchdrehen, wenn man sie nicht bei Laune hielte. Vielleicht ist es gut, daß sie an den Bildschirmen beschäftigt sind oder werden. Vielleicht zögen sie plündernd und raubend durch die Gegend, wenn ihr Unlustgefühl ins Unermeßliche stiege ohne die Besänftigungen und Vertröstungen der Unterhaltungsindustrien. Vielleicht zerfetzten sie sich das Maul über ihre Nachbarn (sie tun es auch so schon genug), wenn man ihnen nachmittags nicht jene servierte, die freiwillig und gegen winzige Bezahlung den Affen machen. Vielleicht ist das durchdacht und ausreichend gut gemacht, was uns wie eine seltsame Form der Sonderpädagogik erscheint, zugeschnitten auf eine Zielgruppe von Biedermännern und Brandstiftern, Autoliebhabern und Hundehaltern, Schnäppchenjägern und Häppchenschmierern. Ich spreche vom Fernsehen.

II:

Vielleicht ist es ganz anders. Vielleicht sind die Leute viel vernünftiger, als wir annehmen. Vielleicht ist die Masse lediglich träge oder so müde und erschöpft, daß sie es aufgegeben hat, Widerstand zu leisten gegen die pausenlosen Angriffe auf die Sinnlichkeit, gegen das Grelle und Falsche, die Blitzkriegästhetik der Werbung, die plumpen Parolen der Parteien und Bewegungen, das Herumgeblödel namens Wahlkampf. Wir sind ausgekitzelt, schrieb ich vor zehn oder fünfzehn Jahren. Wir haben uns halbtot gelacht und leben noch. Vielleicht sind die Leute längst weiter und winken nur ab, wenn ihnen wieder etwas ganz Neues und Käufliches vorgeführt wird. Vielleicht machen sie nur mit, damit niemand traurig ist. So wie man auf diese Familienfeier gehen muß, um zu verhindern, daß die Oma weint. Vielleicht stehen sie Schlange vor dem Apple-Store, damit sie Menschen kennenlernen und sich nicht einsam fühlen.

III:

Vielleicht ist es ganz anders. Vielleicht sitze ich hier wie der letzte arme Irre, der sich Gedanken macht. Vielleicht bin ich zurückgeblieben und einem Sinn verhaftet, der nicht existiert. Vielleicht findet draußen ein Verkehr statt, von dem ich nichts bemerke. Vielleicht verkehre ich nur mit Menschen, die ähnlich absonderlich sind wie ich. Vielleicht täuschen wir uns gemeinsam, sitzen im Kreis und nicken wie einst der Dackel auf der Hutablage, wenn der Personenkraftwagen in Fahrt geriet oder jemand Gewichtiges einstieg. Vielleicht nimmt man es nicht mehr so genau, vielleicht haben sie unbemerkt Welt und Wirklichkeit ausgetauscht. Vielleicht laufe ich längst durch Kulissen, in denen Attrappen hin und her laufen und täuschend echt Menschsein spielen. Vielleicht reden wir gar nicht miteinander, sondern jeder spricht seinen eigenen trostlos-traurigen Monolog, den er unbedingt halten muß, um das Entsetzliche loszuwerden, das ihn heimsucht Tag für Nacht.

IV:

Vielleicht ist es ganz anders. Vielleicht fächeln wir uns gegenseitig gute Laune zu. Vielleicht helfen wir einander, so gut wir können. Vielleicht hat sich herumgesprochen, daß wir alle Nichtschwimmer und Fahranfänger sind, Hilfsschüler des Lebens oder Schauspieler in einer abgehalfterten Theatertruppe in einer Rolle namens „Ich“, ausgestattet mit ein paar Attributen, an die sich ihr Träger ein Leben nicht wird gewöhnen können. Vielleicht sind wir noch immer nicht soweit zu begreifen, daß dies bereits die Premiere ist und nicht Generalprobe. Da kommt nichts mehr. Nur jetzt, nur hier, ganz persönlich. Jedes Später ist reinste Spekulation. Vielleicht ist es wirklich schwer, in einer labyrinthisch eingerichteten Welt zu navigieren, sich zu positionieren und dabei nicht dauernd anzustoßen. Schürfwunden, Hautfetzen, Abgerissenes vom Seelenfleisch. Vielleicht macht erst dieses Narbengewebe schön.

V:

Vielleicht ist es ganz anders.Vielleicht ist der Rausch ein Botengang ins Absolute. Vielleicht steckt unsere Wirklichkeit wie eine Modellversion in einer größeren. Vielleicht dienen wir der Belustigung eines spielenden Kindes, das nicht genug bekommen kann von all der Action. Vielleicht hat Gott das Interesse an uns verloren und bastelt in der Weite des Weltraums an neueren und aktuelleren Varianten des Lebens. Vielleicht sind wir veraltet und haben unsere Weisheit aufgebraucht und verdienen unser Gnadenbrot im Rückraum einer Geschichte, die niemanden mehr interessiert. Vielleicht ist es gar nicht mehr wichtig, was einer von sich gibt, sagt oder denkt. Vielleicht ist Spätzeit, vielleicht auch nicht. Ende Mai 2016 in Berlin, einer Stadt am Rande der Gewitterzonen.


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