Erfahre eben aus einem Zeitungsartikel, daß die kroatischen Fans auch deshalb randalieren, um auf die Mißstände ihres nationalen Fußballverbandes aufmerksam zu machen, der von einem Kartell korrupter Funktionäre, die in die eigenen Taschen wirtschaften, beherrscht wird. Mir kam sofort das Schlagwort vom „Wuchern des Sekundären“ in den Sinn.
Roland Barthes erkannte darin „die endlose Ergänzung der überzähligen Signifikate“, der mit dem Schweigen zu begegnen ist oder – poetisch – mit dem Verfassen eines Haiku. Sonst erliegt man einem Denken über das Denken, Schreiben über das Schreiben, Sprechen über die Sprache.
Das Sekundäre wuchert jedoch nicht nur im Sprachlichen, sondern auch im Tatsächlichen, Stofflichen, Organisatorischen. An jeder kulturellen Hervorbringung hängt, wenn sie sich institutionalisiert (verkrustet), ein Geschwulst an Dienstleistungen, die sich schwer machen auf Kosten des Primären, zugleich jedoch beteuern, sie dienten ihm.
Primär sind das Spiel, das Gedicht, das Gemälde, der Wahnsinn. Sekundär sind Verein, Verlag, Galerie, Psychiatrie. Wuchert das Sekundäre, entsteht ein großer Apparat des Sozialen, der sich schließlich selbst verwaltet und genügt. Die primär Aktiven sind in der Minderzahl, das Verhältnis ist 1:100.
Wieviele Doktortitel verdanken sich Kafka (Sendeminuten, Autorhonorare, Speisen und Getränke in den Stätten der Prager Gastronomie)? Er beschäftigt ganze Kohorten des Wissenwollens und Verstehenmüssens und hat nichts davon. Schicksal.
Sekundär bedeutet nicht überflüssig. Es bedeutet zweitrangig, und das ist der Grund, weshalb ich einen Autor nicht frage, bei welchem Verlag sein Buch erschienen ist, sondern wissen möchte, was er darin erkundet und entdeckt hat.
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