Im Park der vielen Farben

Ich war im Park spazieren. Die Bäume haben noch längst nicht ihr Kleid abgeworfen. Ich Narr, habe mich von der Novembernebelstimmung täuschen lassen. Es ist wunderbunt in den Parks, und sicher auch in den Wäldern dort draußen im Land. Man kann nachdenklich und ruhig und gut bei sich sein. Die Luft ist feucht und frisch und beginnt zu duften. Die Schritte klingen nun anders, nicht mehr so, als müßten sie dringend irgendwohin. Gar nicht mehr so schwer, eine große Runde zu gehen und wieder zuhause zu landen. Der zurückgekehrte Sinn für Behaglichkeit. Kerzenlicht, ein aufgeschlagenes Buch, vielleicht ein Brief. Wir müssen uns Briefe schreiben.

Dem Hochlandrind geht es gut. Es trank lange Wasser, dann blickte es auf und sah mich. Mir fielen die langen rötlichen Wimpern auf. Der Blick war mild und freundlich, falls ein schottischer Hochlandbulle über solche Stimmungslagen verfügt. Weiter hinten verharrte kauend im Unterstand ein Yak mit sehr wolligem, dunklem Fell. Ein Hausyak aus Zentralasien, eine Kuh. Diesmal stand ich länger bei den Eseln. Ich stellte mich an den Zaun, doch sie taten zunächst so, als sähen sie mich nicht. Kann ja jeder kommen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis sie sich wie beiläufig in meine Nähe gegrast und geschnüffelt hatten. Mit einem Mal steuerten sie direkt auf mich zu und rochen an meiner Jacke, stupsten mich ein wenig und warteten sicher auf etwas Leckeres zu essen. Ich hatte nichts dabei, und die Tiere sollen auch nicht von den Besuchern gefüttert werden. Eine Mutter warnte ihr Kind: Vorsicht bei den Eseln, die können beißen. Das könnten sie, aber das taten sie nicht.

Auf der Hundewiese war es ruhig. Hundebesitzer sprechen wie über Kinder: er mag das gar nicht, sie möchte am liebsten … Ein Rabe kommentierte aus der Höhe. Mir kam Pieter Bruegel der Ältere in den Sinn, Gemälde wie Die Jäger im Schnee, Die Heimkehr der Herde oder Der düstere Tag. Denn ich stand auf einem Gehweg über der Szenerie. Mein Gemälde hieß Treffen der Hundefreunde. Ich stand dort eine ganze Zeit, um es zuende zu malen. Das Laub der Eichen benötigte längere Zeit. Den Raben mußte ich versteckt halten, denn er zeigte sich nicht. Passanten kamen vorbei und wunderten sich ein wenig, warum ich so stand. Jedenfalls drehten sie sich nach mir um. Sie sahen ja auch nicht, was ich sah. Sieht ja jeder das Seine. Dann trat ich ins Bunt eines gekrümmten Weges und fand mich in guten Gedanken über das Leben. Sie waren gut, da ich einverstanden sein konnte und die Schönheit erkannte.

Zwischen den eilenden und emsigen Menschen auf den Straßen und in den Geschäften war es wieder schwieriger, sich nicht erneut zu verlieren.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Im Park der vielen Farben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert