Das Haus. Heimkehr

Im Traum erneut in dem Haus. Ich bin dort alle Jahre wieder. Große Räume, scheunenartig, Holzständer, Licht fällt durch Dachluken und schmale Fenster. Die Bodenbretter sind teils lose, Löcher klaffen, man muß achtgeben. Viele Tische, Schreibmaschinen darauf, Manuskriptstapel. Tote Blumen in verstaubten Vasen. Blinde Spiegel. Kanapees mit zerschlissenem Stoff, die alten Muster aus der Zeit der Groß- und Urgroßeltern. Solide Tische, noch gedeckt. Becher und Flaschen darauf. Krimskrams. Kastanien, Nüsse, Eicheln, Federn, Steine, Muscheln, Scherben, Nester, Holzstücke aus den Ozeanen. Spinnweben überall, in den Ecken bequeme Sessel, ein Schaukelstuhl sogar. Kerzen, Windlichter, Petroleumlampen. Ein Akkordeon, auf dem ich nie gespielt habe. Eine Trommel mit zerrissenem Trommelfell. Man erreicht die Räume über eine Stiege. Das Haus ist von außen unauffällig, zugewuchert. Halb Gärtnerhäuschen, halb Stall mit Scheune. Verwilderter Garten, nur Pfade teilen das Gestrüpp. Ich lebte dort einst und kehre nun zurück, alle Jahre wieder. Jedesmal ergreift es mich; ich möchte nie wieder gehen. Es ist, als sei dieses Haus ich selbst, als müsse ich nun endlich einziehen. Heimkehr. Jedesmal steht ihr etwas im Weg: manchmal die Zeit, manchmal ein lächerlicher Zwang. Jedesmal leuchten mir die Augen und schlägt das Herz. Daß es etwas so Schönes geben kann, vermag ich kaum zu verstehen. Ich bekomme Atemnot vor Freude. Daß man in sich selbst einziehen kann, leuchtete mir nach dem Erwachen augenblicklich ein. Ich war noch betäubt vom Glück der Wiederbegegnung. Sie findet alle paar Jahre statt, wie ich bereits sagte. Die Frage blieb haften: Wen bringst du mit?


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das Haus. Heimkehr

Ein Gedanke zu „Das Haus. Heimkehr“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert