An der Grenze

Den besten Artikel über Früh- und Spätaufsteher finde ich im Netz auf der Cosmopolitan-Seite. „Morgenstund ist ungesund“ heißt er und beantwortet die Fragen, die ich habe. Jeder Mensch besitzt seinen eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus. Wer gezwungen wird, dauerhaft gegen diesen Rhythmus zu leben, wird krank. Langschläfer bleiben „fitter, gesünder und jünger“. Deutschland ist „die unbarmherzigste“ aller europäischen Frühaufsteher-Nationen. Nur acht bis zehn Prozent der Bevölkerung sind Frühaufsteher, also gegen halb acht oder acht Uhr voll leistungsfähig. „Unsere sozialen Zeiten sind aus der Agrarwirtschaft tradiert, es gibt also keinen Schuldigen“, sagt ein Chronobiologe aus München. – Doch gibt es die Propagandisten des Frühaufstehens. Leistungsethiken basieren auf dem Frühaufsteherprinzip. Ich denke an Kliniken und Anstalten, an Gefängnisse und Kasernen, an Schulen und Fabriken, an die Disziplinierungsmaschinerie der europäisch-amerikanischen Welt, an eine jahrhundertelang eingeübte Leibeskultur des Reißens und Straffens und der Abhärtung. Kalte Dusche, Morgengymnastik, Waldlauf – Maßnahmen gegen den vermeintlichen Schlendrian und inneren Schweinehund. Ich denke an alte Freunde, die aus dem Bett sprangen und einen Kriegsruf ausstießen, ehe sie ins Bad sprinteten und sich eiskaltes Wasser ins Gesicht peitschten. Ich erinnere mich an Zeiten, als ich Nasenbluten bekam, weil ich gegen meinen Rhythmus leben und um 4 Uhr 30 in der Nacht aufstehen mußte. Es ließ sich gar nicht mehr stillen, ich dachte, ich verblute. Streßsymptom. Ich weiß, daß ich krank würde, zwänge man mich dauerhaft in diesen chronobiologischen Ausnahmezustand. Allmählich spricht sich herum, daß die Frühen nicht die Besseren sind. Auch Sachsen-Anhalt wird seine Landesparole ändern, eines Tages. „Wir stehen früher auf“ – die Armen. Es wird noch ein Weilchen dauern, aber eines Tages steht auf den Willkommensschildern vielleicht: Wir sind ausgeschlafen.


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