Ich bin fast zuhause. Weichselstraße: eine Bar mit Erinnerung. Da haben wir mal gelesen, Lothar und ich. Beim ersten Mal war es gut, beim zweiten kamen wir uns geduldet vor. Niemand soll uns erdulden oder ertragen müssen. Zu umsichtig, zu rücksichtvoll, zu stolz auch. Etwas lief schief bei jener Lesung, ist viele Jahre her. Ich erinnere mich jedes verfluchten Augenblicks. Das sind die kleinen Traumatisierungen, etwas Winziges wie Metallspäne im Gewebe. Sie bringen sich in Erinnerung, wenn die Wetterlage wechselt. Karl-Marx-Straße: der Parkplatz, der Spielplatz, das Fußballfeld. Die Treppen des Sasarsteigs, das Montmartrehafte dieser Stufen. Ein ärmliches Montmartre in einer armen Stadt im Osten Europas kurz vor der Wolga. Wir sind hier in Neukölln. Geschundenes Viertel, doch mit eigener Würde. Fast eine Heimkehr nach dieser kleinen Stadtwanderung von vielleicht vier, fünf Stunden Dauer. Ich bringe meine Sachen nach Hause, und gleich werde ich in die Bar des Vertrauens gehen, denn ich habe so viel erlebt, daß ich nicht für mich sein möchte. Ich werde dort nichts von dem, was ich erlebt habe, berichten. Sollte ich es doch tun, wird es etwas von dem sein, was hier nicht zu lesen steht. Hat man es nämlich einmal gesagt, muß man es nicht mehr schreiben. Erzählen läßt sich nicht wiederholen. Die, die es tun, tun nur so, als könne man es tun. Sie schummeln. Noch später werde ich völlig erschöpft sein, denn zu beiden Seiten meines Platzes am Tresen sitzen welche, die mich anstrengen können. Der eine redet auf mich ein und in mich hinein, als sei ich sein natürlicher Ort. Der andere möchte mich (unbewußt) manipulieren und für sich gewinnen. Er würde das abstreiten. Immerhin ist es bemerkenswert, daß er Donald Trump kennt. Der versteht sich gut mit den autoritären Führern des Ostens, sagt er. Die russisch-amerikanischen Beziehungen werden bestens, sagt er. Die beiden Autokraten werden sehr viel Spaß haben, sagt er, manchmal lassen sie ihren Kollegen daran teilhaben. Donald Trump ist gut für den Frieden in Europa, sagt er und lacht. Ein schöner Auftritt, dann muß er gehen. Zuhause höre ich zum Abschluß des gewendeten Tages sehr laut Into the Music von Van Morrison, ab The Healing Has Begun.
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