Einen Tag wenden IV

Bedenke die Ausgangslage! Ein Tag, der nicht beginnt. Das Gefühl, auf eine Weise überhängig zu sein. Nicht überzählig oder überflüssig, sondern überhängig. Ob ich das zeitlich, räumlich oder anders verstehe, weiß ich nicht. Nein, es ist nicht ein Gefühl, sondern eine Gewißheit. Etwas mit meiner raumzeitlichen Disposition ist nicht in Ordnung. Bewegung hilft stets. Schritte tun, einfachste Maßnahme. Das Bewußtsein mit neuen Bildern versorgen. Irgendwohin.

Hinter dem Schlesischen Tor wird es dünn. Im Klub der Visionäre spielen sie noch immer diese Endlosmusik mit den Vibes und den Beats. Auch die Gäste sehen aus wie 2002. Hier verläuft ein Graben, hier kommt die Zeit nicht weiter. White Trash zur Linken, ehemaliger Wachturm der DDR-Grenztruppen zur Rechten. Dort heimwerkern sie, vielleicht richten sie einen neuen Klub ein. Zur guten Aussicht. Auf den Parkbänken sitzen Leute aus Afrika und vertreiben sich die Zeit mit Fahrradfahren und Musikhören und dem Warten auf Kunden. Über sie ist bereits viel geschrieben worden. Wie man hier sein Geld verdient, wenn man hier kein Geld verdienen darf. Das Elend hatte immer ein Quartier in Berlin. Das dachte ich auf der Adalbertstraße, als einer von Tisch zu Tisch entlang der Restaurants lief und um Unterstützung bat. Überall sah ich sie, die von Tag zu Tag müssen mit ein paar Kröten nur und dem Überlebenswillen und der Aussicht auf keine Besserung.

Ich mag nicht in den Treptower Park, er wird niemals einer meiner Orte werden. Als sei dort mal etwas geschehen, das ich nicht vergessen kann, obwohl ich mich nicht erinnere. Auf dem Kirschbaumweg entlang des Zeit- und Systemgrabens zur Lohmühlenbrücke. Die kasernenartigen Mietshäuser zur Linken geben bekannt: Hier bitte nicht leben. Ein kleines Kind auf dem Fahrrad fragt: Weshalb nochmal fährst du nicht Fahrrad, Papa? Der geht neben ihr und sagt: Das ist mir zu hoch, mir wird dann schwindlig. Die Tochter lacht, ihr Rad hat Stützräder. Dann begegnet mir eine alte Freundin, die ich seit vier Jahren nicht gesehen habe. Ihre Tochter ist nun schon groß und freut sich über unser Gespräch. Wir sprechen vertraut, als sähen wir uns alle Tage.


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