Durch die geöffnete Tür der Bar fällt der Blick auf ein Stück Straße mit parkenden Autos und Fußgängern. Eben trotten sie zu siebt vorbei: zwei Rentnerinnen und ihre fünf angeleinten Hunde. Eine melancholisch anmutende Truppe kleiner Verlierer auf dem Weg Richtung Flugfeld oder Hasenheide, wo es Hundefreilaufgehege gibt. Keiner der Hunde ist sonderlich groß oder schön. In dem einen sind Mops und Spitz vereint, in einem anderen mögen Zwergpinscher und Dackel Gestalt gefunden haben. Keiner von ihnen hat es eilig, sie zerren nicht an den fünf Leinen, die in den Händen der beiden alten Damen zusammenlaufen, deren ganze Leidenschaft diesen Tieren zu gelten scheint, denn sie sprechen auf sie ein wie auf gute Kinder, die man nur hin und wieder erinnern muß, daß die Straße kein Spielplatz ist, wo jeder tun und laufen kann, wie es ihm gefällt. Schön zur Seite gehen, sagt die eine der beiden und beschreibt eine leichte Lenkbewegung mit den Leinen. Schon tappeln die drei Racker an den Rand des Fußwegs, wo es an den Hauswänden allerhand zu riechen gibt. Wie auf ein weiteres Kommando heben die drei Geführten die Köpfe und sehen sich um, ob ihre Herrin auch wohlgefällig nickt, denn dieses Ausweichmanöver hat doch ausgezeichnet geklappt. Tatsächlich nickt sie nicht nur, sondern sagt etwas: Brav gemacht, prima. Die beiden anderen Hunde müssen zur anderen Seite, denn der entgegenkommende Kinderwagen rollten mitten hindurch; der junge Mann, der ihn schiebt, hat es eilig. Er telephoniert, während er es eilig hat. Die Damen bleiben stehen und sehen ihm nach, die Hunde ebenfalls. Ein Ereignis. Laß uns mal weiter, sagt die andere der beiden, und schon setzen sie sich wieder in Trab. Langsam aber sicher verschwinden sie gemeinsam hinter der nächsten Straßenecke. Dort steht der Container für die Altkleider, dort machen sie vermutlich Rast. Es passiert doch so viel.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.