Provisorium

Ein Text ist niemals vollendet. Ein Mensch ist niemals vollendet. Dennoch treten wir vor die anderen und präsentieren uns in Mangelhaftigkeit. Fast könnte man behaupten, wir prunkten darin. Nonchalant, achselzuckend, ein bißchen ironisch. Ich bin wie du oder sie oder er das Ergebnis des Weges bis hierher und jetzt. Nimm mich oder verwirf mich, du bist nicht Gott. Perfektion ist eine karge Ecke für Pedanten. Man soll freigiebig sein, vorrangig mit sich selbst. Heraus damit, warum so geizig. Wirf dich dem Tag an den Hals oder folge einer Wespe durch den Hof. Vieles hängt falsch so hoch. Der Mann am Kreuz tut mir leid. Es ist geschmacklos, ihn derart zu zeigen. Worauf läuft das denn hinaus? Pessimistischer nie als damals, als sie dachten, diese ausweglose Lage (ein zehrendes Hängen) sei ein Zeichen, das die Menschen berührt, erfaßt und führt. Mitgefühl sogar mit jenen, die das dachten. Sie installierten sich diesen Gekreuzigten nach ihrem Verstehen. Es war nicht ihr Blut, es war seins. Sie wollten ihn ehren, sie bewunderten. Die Bewunderer bleiben sich fremd. Ein Text ist niemals vollendet – wozu auch! Das Leben ist niemals vollendet oder jederzeit. Eine heilige Schrift – das ist klein gedacht. Besser den Geschichten lauschen, auch darauf, wer wie erzählt. Die Autoren wählen sich selbst.


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Provisorium

Ein Gedanke zu „Provisorium“

  1. Hartmut schreibt:

    Christus wurde sicherlich nicht aus ästhetischen Gründen ans Kreuz gehängt und will dort auch solchen Ansprüchen nicht genügen. Neben ihm haben gelassen und lassen nach wie vor etliche Märtyrer auch ihr Blut.
    EINE heilige Schrift ist nicht klein, sondern groß gedacht – und im Übrigen notwendig (vgl. Chesterton).
    „Credo in unum deum“ ist auch eine Befreiung von Götzen, Kräften und Mächtigen.

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