Die Tasche

Und dann war da noch der Gekrümmte mit der Schramme auf der Stirn, der seine Zeitung anzubieten hat und jedesmal von neuem erklärt, was mit dem Geld Gutes geschieht, falls einer sich entscheiden könnte, sie zu kaufen. Er humpelte an seiner einen Krücke den Gang entlang, zwischen den müden Fahrgästen hindurch, und landete an der Mittelstange, wo ich Platz gefunden hatte und zwischen anderen stand und mich festhielt. „Schöne Tasche“, sagte er. „Danke“, sagte ich. „So eine habe ich auch“, sagte er. „Wirklich?“ fragte ich. „Ja“, sagte er. Dann mußte er aussteigen. „Immer schön drauf aufpassen“, riet er. „Mache ich“, versprach ich.

Diese Tasche haben wir vor Jahren in einem Antiquitätenladen an der Kolonnenstraße entdeckt. Sie ist aus Leder und mindestens fünfzig Jahre alt. Ein solches Modell besaß auch mein Vater, als er noch zur Arbeit fuhr. Akten hatten darin Platz, eine Thermoskanne und die Brotbüchse für ein paar Stullen mit Wurst oder Käse. Sie war ein Symbol für die tägliche Fahrt nach woanders, dorthin nämlich, wo man nicht tun durfte, was einem gefällt. Ihm schien das nichts auszumachen, doch ich war ein Kind und bestaunte das Ausmaß der Unfreiheit, die einen ereilt, wenn man sich Tag für Tag mit Thermoskanne und Broten in ein Büro einquartiert, das man nur für den Außendienst oder die Mittagspause verlassen kann. Und spät nachmittags dann wieder für die Fahrt in umgekehrter Richtung.

Ich werde sehen, was mit der Tasche geschieht. Sie ist ziemlich zerschlissen. Das habe ich allein besorgt durch meine Fahrten und Gänge zur Arbeit und zurück. Ich mag sie sehr. Niemand ist mit einer solchen Tasche unterwegs. Vor einer Woche bereits wurde ich auf sie angesprochen. Eine Gruppe von Leuten konnte sich nicht sortieren und versperrte mir, der ich es eilig hatte,  versehentlich den Weg. Sie entschuldigten sich dafür. Ich nickte. „Das ist aber eine schöne Tasche“, sagte eine Frau aus der Gruppe. „Schau mal, was für eine schöne Tasche!“ machte sie ihren Mann oder Partner aufmerksam. „Ja“, sagte ich und verschwand im Windfang der U-Bahnstation. Ich hätte aus eigenem Antrieb damals nicht den Antiquitätenladen in der Kolonnenstraße betreten.


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