Die ganze Wahrheit über nichts

François Hollande, bis ins nächste Jahr Staatspräsident der Französischen Republik, hat zwei Journalisten von Le Monde in sechzig Sitzungen von 2012 bis 2016 Auskunft gegeben über seine Gedanken, Einschätzungen und Meinungen. Diese Auskünfte sind nun veröffentlicht, ein Buch ist daraus geworden, fast siebenhundert Seiten stark. Dessen Inhalt gibt Frankreich Stoff zum Nachdenken. Beispielsweise über die Frage: Was für ein Mann ist dieser Präsident? Mit einigen der Menschen, die er beschreibt und bewertet, möchte er auch nach seiner Wiederwahl (er zeigt sich „bereit“) zusammenarbeiten. Wie soll das funktionieren, jetzt, da sie nachlesen können, was er von ihnen hält? Was ist in ihn gefahren, rätseln die Kommentatoren des politischen Lebens. Er wollte sich mutig zeigen und ehrlich sein, vermuten sie. Er hat sich verhalten wie ein Narr, denn nur Narren können sich solches leisten. Ein neuer Authentizitismus scheint sich breitzumachen. Plötzlich sagen alle, was sie denken. Das ist noch unerträglicher als die Verlogenheit. Die konnte noch als gute Gesittung und Rücksichtnahme durchgehen. Der Authentizitismus dagegen kontaminiert die gesellschaftlichen Räume und zerreißt die letzten Bindungen. Sofern er Schule macht, werden demnächst alle übereinander herfallen und sich zerreißen wie die Hyänen. In den USA läßt sich derzeit besichtigen, wo Politik bleibt, wenn die Sache persönlich wird: sie löst sich auf, findet nicht mehr statt. Es gibt dort keinen Wahlkampf, nur eine fade Show gegenseitiger Herabwürdigung. Dann doch lieber ein Duell mit geladenen Waffen auf offener Straße vor zahlendem Publikum. Übrigens ist es leicht, einen Menschen bloßzustellen, zu verspotten oder sich auf andere Weise über ihn zu erheben. Doch mit der Abwertung des anderen leitet man früher oder später das eigene Konkursverfahren ein. Wie François Hollande von nun an regieren möchte, dürfte sein Geheimnis bleiben. Wem kann er jetzt noch in die Augen schauen? Seine „Ehrlichkeit“ hätte er sich aufsparen sollen für den Ruhestand. Das ist die Zeit, in der Politiker sagen dürfen, was sie unbedingt loswerden möchten. Mit ihren Memoiren malen sie ein Selbstportrait, um vor „der Geschichte“ zu bestehen. Adressaten solcher Literatur sind die Historiker. Die Wahrheit zu sagen – welch trügerische Verlockung. Hollandes Unterschrift zeigt, wie er sein möchte: großartig und ästhetisch. Auf einen Blick erkennt man, daß da Schlingen ausgelegt sind, die bei Bedarf zugezogen werden können. Nun ist er selbst hineingetreten.


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