Macht Schreiben glücklich?

Eben lese ich „Wie Schreiben uns glücklich macht“ über den Effekt solchen Tuns auf die Psyche, ein Artikelchen auf der Kinderseite der Zeit. Früher waren die Autoren unglücklicher, hat es den Anschein. Wer literarische Texte schrieb, rang nachvollziehbar um sein richtiges Bewußtsein angesichts der falschen gesellschaftlichen Wirklichkeit. In den beiden Deutschlands handelten die Autoren im Auftrag ihrer jeweiligen Besserungsanstalt, gewollt oder ungewollt. Poesie war pädagogischer Krampf, Hitlers kulturelle Nachwehe. Die Deutschen mußten gut sein, und daß sie es waren, wollten sie zeigen. Sie attackierten einander, besonders innerhalb ihrer Besserungsbezirke. Das meiste klingt heute streberhaft und extrem angestrengt. Die Debatten waren haßerfüllt und heftig. Exekutiert wurde der symbolische Tod. Worum es wirklich ging, versuchen die Alten uns heute zu erklären. Ich weiß, worum es ging. Es ging um Ausweisbilder.

Macht Schreiben glücklich? Macht Laufen glücklich, Schwimmen, Fliegen, Reinigen? Es klärt. Eine Wirklichkeit wird neu gefaßt, nämlich in Worte. Ein Austausch findet statt. Die Wirklichkeit wechselt das Medium. Sprache bildet nicht nur ab, sie deutet, entscheidet, läßt weg, ändert ab. Das liegt in der Natur des Schreibverstehens. Die Sache muß über den Ozean. Ozean heißt Abstand, Abgrund, Spalt, Grenze, Trennung, Strömung, Drift und Strudel. Hier das geschriebene Wort, dort der Ursprung (ein Bild, eine Szene, eine Folge von Geschehnissen, ein Ereignis, eine Situation, eine Konstellation, eine Spannung, ein Geheimnis, ein Klang, eine Anmutung). Macht Schreiben uns glücklich? Es ist wie mit einer Gewohnheit, von der man nicht weiß, ob sie Sucht ist. In Sucht steckt suchen. Wer schreibt, der sucht, und zwar ausführlich, also ausgeführt, also schrittweise und sorgfältig, jedenfalls greifbar und bemüht um Präzision. (Das ist bis hierher grob erzählt. Es geht um noch mehr.)

Nun zur eigentlichen Frage: Ja, das tut es. Das tut es vor allem dann, wenn man aufhört, so herumzublödeln wie die Autoren der Ausweisbilder. Mittlerweile entsteht eine neue Ausweisliteratur, was nicht verwunderlich ist, da es jederzeit und neuerlich darum zu gehen scheint, ob man hineinkommt oder draußen warten muß. Das affiziert das Schreiben der Schreibenden, was man sofort herauslesen kann. Solcherart verfaßtes Legitimierungszeug klingt wenige Jahre später bereits schrullig und alt. Zum Glück treiben sich dort viele herum, so muß man sich die Namen gar nicht erst merken für später. Kohorten versuchten zu singen und verliefen sich klanglos. Mein Bruder spricht von den „zu Recht vergessenen Dichtern“. Ein paar kommen durch die Sperren des Abstands der Zeiten.

Macht Schreiben glücklich? – Ein Autor wird das nicht fragen. Was Glück bedeuten mag, ist ja strittig. Wer es anders findet, wird nicht schreiben. Schreiben handelt von einem Fehlen. Hätten wir keine Schrift, würden die Autoren tanzen oder Sandburgen errichten. Seltsamerweise wird diese Frage nicht den Musikern, den Komponisten und Malern gestellt. Das führt zurück auf eine alte Fährte des Argwohns. Eines Argwohns gegenüber einer bloßen Nacherzählung, des Verhaftetseins in einem Medium des gemeinen Gebrauchs. Daher auch die rührenden Bemühungen der Sprachkünstler um kostbare und erlesene Diktion, nur um zu zeigen: schreiben kann jeder, doch ich, ich kann es anders und besser. So kämpften sie gegen die Verwechslung und für die Ehre des Gelingens im Wort.

Demnächst werde ich Henry Miller vorstellen, wie ich ihn sehe.


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