Wer seine kleine Moral unbedingt braucht, kann sie an jeder Straßenecke und in jedem Magazin bekommen. Ich nenne eine Auswahl: richtig leben, richtig schlafen, richtig denken, richtig fühlen, richtig laufen, richtig essen, richtig lieben, richtig lernen, richtig reisen, richtig fühlen, richtig shoppen, richtig schminken, richtig radeln, richtig wandern, richtig streiten, richtig beten, richtig trauern. Bislang gibt es keinen Ratgeber dafür, wie man richtig stirbt. Diese Angebotslücke ist systemisch. Vom Sterben versteht unsere Kultur nichts. Was sie wußte, hat sie verlernt. Bereits die Krankheit gilt als Zumutung, wie erst steht der Tod da? Wer seine kleine Moral unbedingt braucht, kann sich unterwegs bedienen. Die Menschen sprechen über nichts anderes. Unruhig spähen sie hierhin und dorthin, denn sie wissen immer nur für ganz kurz, was los ist. Ihre Gewißheiten haben eine Halbwertszeit, die sich in Stunden und Tagen bestimmen läßt. Das ist historisch neu und macht unsere Spezies zu einem Studienobjekt ersten Ranges. Das kulturelle Wissen ist verdorrt oder scheint nicht mehr zu genügen. Hektische Suchbewegungen bestimmen unsere Zivilisation der unbegrenzten Zugänge zu wertleerer Information. Das Zeitalter der Nervosität nannte ein Historiker die Zeit zwischen Bismarck und Hitler. Wie nennt man später einmal das unsere, aus dem sicheren Abstand von mindestens fünfzig Jahren und einem neuerlichen Paradigmenwechsel, demzufolge der Beurteilende sich den Beurteilten nicht verpflichtet fühlen muß. Vom selben Autor (Joachim Radkau) erschien ein Werk namens Natur und Macht. Diese beiden Dinge halten uns in Bewegung, und es ist Aufgabe der Würde, sich zwischen beidem zu behaupten. Mit der kleinen Moral übersteht man nicht einmal die Saison.
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