Das Regime der Angst 7: Sonntagnachmittag

„Es ist Sonntagnachmittag / passiert jetzt was oder nein / Sonntagnachmittage können öde sein, können so ö-ö-ö-de sein“, sang Hannes Wader. Das Stück heißt Nach Hamburg und handelt von einem Ausflug mit Kurti, der für die Spritztour eigens ein Auto, einen Opel Kapitän mit Weißwandreifen, geklaut hat. Sie gabeln vorm Kino schnell noch zwei Mädchen auf, kommen abends in Hamburg an, suchen die Reeperbahn, finden sie nicht und fahren zurück in ihre verschlafene Provinz. Die Figurenkonstellation sieht so aus: „Auf dem Rücksitz neben mir saß Ingrid / und ich wollte mir ihr knutschen / aber Ingrid zierte sich / Kurz gesagt, ich stand nun mal auf Ingrid / aber Ingrid stand auf Kurti / Kurti stand auf Erika / aber Erika stand nicht auf mich“. Den geklauten Wagen versenken sie in einem Baggerloch. Es bleibt die Erinnerung an zehn Minuten Hamburg, „aber schön war es doch“.

Sonntagnachmittage ersticken die Sehnsucht, Hoffnung ist aufgebraucht. Als müsse man mit dem Kopf durch die Wand, der ein Loch fehlt, durch die er paßt. Man kann spazieren gehen, das ist das Beste, das Einzige, das Richtige. Die Welt ist eng an einem Sonntagnachmittag, und völlig unberührbar. Die Dinge stehen herum, als müßten sie abgeholt werden.

Da steht ein Mann aus Rußland vor seinem Auto, nur in Jeans und T-Shirt. Es ist kalt, wenig über Null. Er schluchzt und bittet um Hilfe. Sein Tank ist leer, er braucht sieben Euro, um zurück nach Rinteln fahren zu können. Jenseits der Gartenanlage gibt es eine Tankstelle, an der Schulenburger. Im Kofferraum hat er einen Kanister. Weiter hinten, in Sichtweite, stehen junge Männer an einem Auto und schauen herüber, die hat er gefragt, die haben Verpiß dich gesagt. Sowas geht doch gar nicht, sagt er und entschuldigt sich, daß er weint. Er sagt: Ich lebe seit achtzehn Jahren in Deutschland, aber sowas habe ich noch nicht erlebt. Drei von denen kann ich schaffen, aber doch nicht fünf oder sechs. Er sagt: Ich bin kein Nazi, aber wenn ich die sehe … das geht doch gar nicht, die wollen Flüchtlinge sein, solche Typen. Dann schluchzt er wieder und entschuldigt sich, daß er uns belästigt und auch darüber, daß er Geld bekommt, damit er tanken gehen kann, um nach Hause zu fahren, nach Rinteln an der Weser.

Das alles soll irgendwie zusammenpassen.


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