Begegnung

Auf einem Berggipfel sitzt ein Mann und schaut in die Weite. Dort steht Gipfel neben Gipfel, irgendwann dort hingestellt von einer Gewalt, die alles in den Schatten stellt, was wir uns vorzustellen vermögen. Hingestellt ist das falsche Wort: in die Höhe gezwungen, in einem infernalischen Geburtsakt geschoben und gepreßt, bis die Erdkruste barst. Dieser erkaltete Geburtsakt liegt vor unseren Augen, denn jetzt sitze ich neben diesem fremden Mann, der älter ist als ich. Er steht mitten im Leben, ich noch davor. Ich bin Student, gerade ist meine Mutter gestorben, der Berg muß bestiegen werden, aus welchem besseren Grund auch immer. Gerade ist die Witterung günstig, früher Nachmittag, genug Zeit für den Abstieg. Unten warten mein Vater und meine Freundin auf mich. Der Mann neben mir atmet tief durch. Er saugt das Gebirgspanorama ein wie eine wertvolle Essenz. Als wolle er sich sowohl das Ganze als auch die Einzelheiten einprägen, um sie später nachverdauen zu können. Daß er sich damit überfordert, dürfte klar sein. Deshalb stöhnt er auch ein wenig, sagt dann: Für diese Augenblicke lebe ich ein ganzes Jahr. Er erzählt mir kurz von seinem Beruf: etwas Leitendes, ein Büro, Verantwortung, Familie. Ich sage dem Fremden nicht, was mit mir los ist. Nur daß ich schon oft in diesem Tal gewesen sei und mir seit langem vorgenommen habe, diesen Gipfel zu erklimmen. Heute sei es günstig gewesen usw. Ich sage etwas völlig Uninteressantes, und doch lächelt er mich freundlich an. Beim Abstieg gehen wir ein Stück gemeinsam. Der Schnee ist matschig, an der Flanke geht es mehrere hundert, wenn nicht tausend Meter steil nach unten. Wir sind sehr vorsichtig. Nachdem der Grat geschafft ist, verabschieden wir uns. Ich gehe zu den Meinen, er fährt morgen zurück zu den Seinen. Den ganzen Weg über denke ich nach, ob ein Leben lohnt, das für ein Gipfelerlebnis gelebt wird. Es ist ihm ernst mit dem Satz gewesen. Er hat mir etwas leid getan.

Seitdem sind fünfundzwanzig Jahre vergangen. Manchmal denke ich noch an den fremden und freundlichen Mann auf dem Berggipfel, der mir sein Herz ausschüttete, ohne zu bemerken, daß er es tat. Er beschrieb mir seine berufliche Tätigkeit als langweilig und überflüssig. Sie könne von jedem anderen auch verrichtet werden, sie bedeute ihm nichts. Von seiner Familie sprach er nicht. Die Berge heilten seine Wunde oder sollten es tun. Die Berge nennt man majestätisch, erblickt in ihnen Erhabenheit und entrückte Größe. Andererseits ist es sinnlos, etwas derart Offensichtliches zu sagen, nämlich daß das Große groß ist. Übrigens ist es dort oben auch kalt und windig, und man möchte sich nicht den Fuß brechen, allein auf einem Gipfel, um den herum andere Gipfel stehen, teilnahmslos erstarrt. Man hat den Bergen Persönlichkeit angedichtet, man hat mit ihnen, gegen sie gekämpft. Sie dienten der Selbstbeweihräucherung – der kleine Mensch ganz oben. Bergsteiger, Großwildjäger, Walfänger. Selbstbeweise dringend nötig, wie bei fast allen Kindern. Wir bleiben lange Kind. Allerdings kommt man von dort oben gereinigt zurück. Die Berge haben Kraft und sie geben davon. Besser man verbeugt sich, und sei es unmerklich.

 


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