Geister (25 Stunden später)

Vereinzelt wieder Feuergefechte und kürzere Schußwechsel an der Vorpostenlinie. Wer Feinde sieht, schießt. Das ist brav, denn weiterhin fliegen böse Geister umher. Die Frage lautet: Reicht die Munition? Noch ist welche vorhanden, doch niemand kann mit Gewißheit sagen, wann sie ausgeht. Deshalb muß ab sofort jeder Schuß ein Treffer sein. Niemand kennt die genaue Zahl der Geister. Eigentlich sollen sie nicht getötet, sondern lediglich vertrieben werden. Geister sind ja bereits tot, physisch. Dennoch walten sie und bemächtigen sich der Lebenden. Sie erinnern daran, daß ein Friede erst möglich ist, wenn sogar die Verstorbenen ihre Ruhe finden und zustimmen. Auch in mir rumoren die Ahnen. Sie warten auf Momente meiner Schwäche, um sich Zugänge zu verschaffen. Wenn ich könnte, lüde ich sie ein zu einem großen Fest in den Sälen unserer Verbundenheit und zeigte ihnen auf diese festliche Weise, daß ich sie willkommen heiße und anerkenne als Wesenheiten meiner selbst, gebrochen durch die Zeit. Wir glauben nicht an Geister, doch wir verhalten uns, als glaubten wir. Ich kann das auch auf mich selbst nehmen und schreiben: Ich glaube nicht an Geister, doch ich verhalte mich, als glaubte ich. Fragt sich, was „Geister“ sein könnten, welchen Wesens und welcher Wirksamkeit, übertragen in die Denk- und Sprechweise einer etwas müde gewordenen Aufklärung, der einige Übersetzungstätigkeiten gut tun dürften.


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