Geister und Orte

Sicherlich zieht ein Mensch weiter, wechselt Adresse und Ort, verändert die äußeren Umstände seiner Existenz, zieht sich selbst hinüber an jenen neuen Ort, schleppt sich dorthin, schiebt sich oder zerrt sich, läßt es tun. Von A nach B oder von Irgendwo nach Nirgendwo. Besser als zu vergammeln oder zu verschimmeln oder zu veröden in einem Abseits namens Heim. Abschied zu nehmen ist gut. Fällt der Abschied flach oder aus, da es schnell gehen muß, holt man ihn nach. Besser ist das. Sonst bleiben Teile dort, von wo man floh. Sie fehlen fortan und geistern frei herum und richten Schaden an, bilden negative Energie. Deshalb sind Fluchten problematisch. Besser man geht. Abschied ist Ritual, Zeremonie, sinnerfüllte Handlung, Beruhigung der Geister, Geste der Achtung gegenüber Ort und Mensch.

Wer schnell reist, kommt nicht nach. Ich kenne Menschen, die sind seit vielen Jahren unterwegs, schneller als der Wind, von Shanghai nach San Francisco, von Rom nach Reykjavík. Sie bleiben nicht, sie besuchen nur, sprechen dort, verhandeln, machen Geschäfte. Ob ihre Seele nachkommt, wissen sie nicht. Etwas so Leichtes wie Seele kann leicht verloren gehen. Wer spricht, wenn sie sprechen, weiß ich nicht. Ich vermute, es handelt sich um eine Kompaktversion. Eine Gestaltung, die überall durchpaßt. Sätze sprechen lernen, die überall verstanden werden können (da sie nichts besagen). Ghosts of the Great Highway, erneut. Eines Tages möchte ich gehen, nicht fliehen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Geister und Orte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert