Arbeit in ein ewiges Morgen

Wir hier arbeiten, um fertig zu werden. Wir arbeiten nicht gern, auch wenn wir so tun, als täten wir es. Wir haben ein Evangelium der Arbeit geschrieben und tausend Formeln ersonnen, um uns zu etwas zu überreden, das wir in Wahrheit hassen, jedenfalls verabscheuen. Arbeit ist Pflicht, Arbeit ist Mühsal, Arbeit bedeutet Selbstüberwindung. In der Selbstüberwindung liegt unser Vergnügen. Gemäß dem Satz: Laufen im Park macht keinen Spaß, aber hinterher fühlt man sich gut. Denn wir ochsen gegen uns selbst und nennen das Glück. Tiefer Blick in die Seele unserer Leistungsgesellschaft. Ich möchte es nicht tun — dennoch tue ich es — habe ich es getan, bin ich stolz. Was denn getan? Das was getan werden muß. Was aber muß denn getan werden? Und wenn es getan werden muß, wozu dann dieser Widerstand? Herrschte tiefere Einsicht, könnte sich die Arbeit doch an die Freude heften, und gemeinsam kämen sie frohgemut ans Ziel, das Gelingen. Wir wollen stets nur fertig werden, deshalb tun wir es. Was auch immer. Niemals verweilen wir. Die Fahrten, um ans Ziel zu kommen. Das Studium, um Arzt zu werden. Den Text, um Roman zu werden. Das Kompliment, um erhört zu werden. Das ist armselig, und jeder ernstzunehmende Gott müßte geneigt sein, eine solche Gruppierung von Perversen, die des Augenblicks unwürdig sind, zu vernichten. Ohne Liebe zu einer der einzelnen Schritte einer Verrichtung, die für sich selbst demnach nichts wert sind und nur als ein Hin zu gedacht werden. Alles soll gut für etwas sein, ist aber nicht gut an sich. Es gab keine Gegenwart, es gibt auch keine. Stets nur diese völlig unbekannte Zukunft, in die hinein dieser Menschheitstypus Brücken schlägt. Brücken schlägt, über die er nicht gehen wird. Denn bereits morgen schlägt er eine neue Brücke in eine weitere Zukunft. Er kommt niemals an. Er randaliert weiter und beschwert sich und giert nach Glück und Zufriedenheit und etwas Befriedigung. Daraus wird nichts werden.


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Arbeit in ein ewiges Morgen

Ein Gedanke zu „Arbeit in ein ewiges Morgen“

  1. Lieber Holger,
    ich lese nun schon eine Weile in Deinen Aphorismen. Das sprudelt aus tiefer Quelle und mit einer fast schon mystischen Klarheit. Ich habe das Gefühl, einen Ahnenden, vor mir zu haben, einen, der die Gegenwart erahnt und damit, jene unmittelbare aber keineswegs schon entschiedene Zukunft, die das Gegenwärtige schon so sehr durchdringt, dass wir sie nicht einmal mehr wahrnehmen, es sei denn, als produktivitätsmindernde Irritation, die wir so schnell als möglich verscheuchen. Ich bin froh, dass Du mich auf Dein weblog hingewiesen hast. Ich lese es als Tagebuch des Übergangs, eine Zwischenperspektive des schon-nicht-mehr-aber-noch-nicht. Ist der Titel des blogs „Texte und Tage“ inspiriert von Hesiods Erga? Nun, „grapha kai hemerai“ wäre ein schöne Variante.
    Ich lese weiter, und bitte schreib weiter!
    Herzlich
    Othmar

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