Es ist nun Nacht, ich sollte schlafen. Mein Fehler besteht darin, daß ich auf die Index-Seite der Zeit gehe (deren Startseite) und dort diese Überschrift finde: „Trauernden Führungskräfte fällt es schwer, Hilfe anzunehmen“. In der Subline (Unterüberschrift) steht: „Stirbt ein Angehöriger, ist es schwer, den Anforderungen einer Führungsposition gerecht zu werden. Die Trauer dauert oft ein Jahr, sagt die Expertin …“ Nicht der Rechtschreibfehler interessiert mich, sondern die Sondergruppe, deren besonderer Schmerz im Interview erkundet wird. Ich verstehe auf Anhieb nicht, was das Trauern für den Inhaber einer sogenannten Führungsposition zu etwas Hervorhebenswertem machen soll. Ich habe begriffen, daß es ein großes Bedürfnis nach einer neuen Adelsschicht zu geben scheint. Ich lese das Interview, das eine Bloggerin, die „über Frauen und Karriere“ für „Führungsfrauen“ schreibt, mit einer „Sterbe- und Trauerbegleiterin in Unternehmen“ und für „Privatpersonen“ führt, die neben „Notfall-Beratungen“ auch „Gruppengespräche in akuten Trauersituationen, Einzel-Begleitungen sowie Vorträge und individuelle Seminare“ anzubieten hat. Die Bloggerin fragt: „Ist ein betriebliches Trauermanagement sinnvoll?“ Die Sterbe- und Trauerbegleiterin antwortet: „Absolut. Stirbt ein Mitarbeiter, ist häufig ein Leistungsabfall in der ganzen Belegschaft, mindestens aber in dem unmittelbaren Team des Verstorbenen die Folge. Um diesen Produktivitätsverlust so gering wie möglich zu halten, brauchen Mitarbeiter Hilfe.“ Ich lerne weiter: „Leider wird oft vergessen, dass Trauer keine Krankheit ist, sondern einfach Zeit braucht. Selbst die Bundespsychotherapeutenkammer weist darauf hin, dass Trauer keine psychische Krankheit ist. Ein Trauerprozess kann bis zu 14 Monate oder sogar länger dauern. Es kann helfen, wenn Betroffene zunächst ihr Arbeitspensum drosseln und Aufgaben delegieren.“ Wer hätte das gedacht? Aber gut, daß ausgerechnet wurde, wie lange der Tod genau wirkt, bevor der von ihm verursachte Unfall behoben ist.
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