Nun ist es Mittwoch und Nacht. Der Dienstag war gut. In der S-Bahn schlief ich kurz ein und erwachte glücklich. Ein sanftes Reisen auf Schienen innerhalb einer großen Stadt. Es fühlte sich sanft an und wie Geborgenheit. Ich stieg ganz langsam in den Untergrund. Yorckstraße. Ich erwartete Schmutz und arme Zausel, doch im langen Tunnel stand ein Bassist und spielte wunderschön. Er trug eine Wollmütze und wußte, wie ein E-Baß zu behandeln, zu bespielen, was ihm zu entlocken ist, wenn man nur schön fragt. Und ganz zu Recht standen zwei Frauen im Umkreis des Musikanten und hörten zu. Die eine stand unmittelbar vor ihm und mochte nicht mehr weitergehen. Die andere ging vor mir, an ihm vorbei, blieb jedoch vorn am Bahnsteig stehen, um gut zu hören, was er spielte, also wußte oder fand. Doch auch an meinem Platz auf Höhe des Aufsichtshäuschens waren die Erzählungen des Baßmanns noch gut zu vernehmen. Die sechs Minuten Wartezeit verstrichen schnell. Schließlich mußte ich einsteigen. Ich hätte bleiben mögen, doch die Station ist nicht schön genug. Bisher. In der U-Bahn die unterschiedlichsten Menschen. Ich staunte, sie alle in einem Waggon zu sehen. Eine kleine Weltladung Menschen unterwegs Richtung Rudow. Mir gegenüber saß eine müde, aber lächelnde Asiatin. Sie telephonierte und sprach lebhaft. Ihre Hände ein wenig rauh, auch gekerbt, eine Floristin. Ich dachte an Blumen und daß sie es ist, die sie schneidet und bindet. Nun hatte sie Feierabend und fuhr heim. Dann kam der Mundharmonikaspieler und legte los. Er spielte einen Eisenbahn-Shuffle, zurückhaltend und klug. Eine neue Station, Fahrgäste gingen, andere stiegen ein. Er spielte weiter. Ein kleines Konzert, nicht dieses alle beleidigende Kurzspiel für Almosen, wie es üblich war eine Zeitlang in den Zügen und Bahnen und nun hoffentlich verschwindet, da es unglücklich macht und verstimmt. Ein Künstler strapaziert niemals das Mitgefühl. Ich saß vertieft in gute Gedanken über das Gespür der Menschen und legte meinen Kopf auf meinen Kragen und war allein und zugleich aufgehoben unter diesen fremden Heimkehrern und unbekannten Fortfahrern. Ich hätte bis Rudow fahren mögen, nur daß ich dort nicht wohne.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.