Bevor ich mich in den neuen Film von Terrence Malick traute, schickte ich ein Stoßgebet in die Sinnweiten: O laß mich nicht ertrinken! Seit The Tree of Life bin ich alarmiert – der Autor operiert darin recht ungeniert mit seiner Haupteinsicht: daß der Mensch auf Gnade angewiesen ist. Wer sie spendet – doch wohl Gott. Malicks Filme sind Gottesdienste, aufwendig gefilmte Bildbeweise für die Herrlichkeit der Schöpfung und des Lebens auf Erden. Der Mensch, dem die Gnade (der Einsicht) nicht zuteil wird, irrt durch die Welt wie ein sehend Blinder, wie ein anmaßendes und auf ewig verzogenes Kind, das ständig seinen Wünschen hinterherjagt und sich in weit ausgezogenen Bahnen vom ursprünglichen Sinn entfernt. Daß dieser Sinn bildlich faßbar ist, gehört zu Malicks Obsessionen – ihr verdanken wir Filmgemälde wie Days of Heaven, A Thin Red Line, The New World bis hin zu Song to Song. Das ästhetisch Schöne soll die entscheidenden Hinweise auf den großen Zusammenhang alles Lebendigen geben soll.
Laß mich nicht ertrinken! weil ich fürchtete, daß Malick ein weiteres Mal mit einer suggestiven Bilderflut aufwarten würde, um mich auf diese Weise von etwas zu überzeugen, was ich längst verstanden habe. Song to Song (2017) propagiert in seinen letzten fünf Minuten Laufzeit das einfache Leben, während die vorhergehenden 124 Minuten darauf verwendet sind, dem Zuschauer das falsche (künstliche) Leben inmitten des richtigen (natürlichen) vorzuführen. Unglückliche Hedonisten umkreisen und belauern einander auf der selbstzerstörerischen Suche nach Liebe, Geborgenheit und Verständnis, nach dem verborgenen Sinn ihrer Existenz. Wo ist denn das Glück, von dem alle reden – liegt es im Sex, im Luxus, in der körperlichen Attraktivität, im Ruhm oder in der Sichtbarkeit purer Macht? Wann fühlt ein Mensch sich frei genug, um zu tun, was er möchte – und wie übersteht er die Einsamkeit, die sich daraus ergibt?
Die Protagonisten des Films stecken in der Falle solcher Fragen, geben mit ihren Lebensentwürfen Antwort auf Antwort und kommen in der Sache nicht einen Schritt nach vorn. Denn aus Lebensentwürfen ergibt sich kein Leben, sofern Leben mehr ist als bloßes Design. Malicks Film funktioniert (wie bereits Knight of Cups, 2015) als naturalistische Versuchsanordnung: dies sind die Milieus (2015: Filmbranche; 2017: Musikszene), jenes die Akteure (2015: Drehbuchautor und Leute vom Film sowie zahlreiche Angehörige; 2017: Musikproduzent, Musiker sowie zahlreiche Angehörige) – nun laßt uns schauen, was sich daraus ergibt! Prämisse 1: die Akteure möchten glücklich sein und ein bedeutsames Leben führen. Prämisse 2: das Milieu bestimmt das Verhalten. Die Akteure werden vorgeführt wie fremdartige Wesen, die noch Menschen sind, aber doch schon halb aufgelöst wirken, als seien sie durch nichts mehr zu retten.
Doch dann tritt der Filmprediger und Verkünder Malick auf den Plan und öffnet jenen, die sich erretten lassen wollen, eine Tür und weist ihnen den Weg. Prämisse 3: man kann aus seinem falschen Leben heraus, wenn … Nachdem die Gnade ihr Werk getan hat, nämlich erkennen zu lassen, worauf es wirklich ankommt, gilt es nun, das künstliche Leben hinter sich zu lassen und ein „einfaches Leben“ zu führen (für das wir eigentlich bestimmt sind). Ryan Gosling wird Bohrarbeiter draußen in einem Ölfeld weit vor den Toren der lärmenden Musikmetropole Austin, und die süße Rooney Mara folgt ihm dorthin, wo man abends nach getaner Arbeit an erhöhter Stelle im Gras liegen und der untergehenden Sonne zusehen kann, wie sie den Himmel (und nicht nur den Himmel) erleuchtet.
Ich bin nicht ertrunken, sondern habe mich lediglich gelangweilt. Es erging mir wie in der Philharmonie, in der Kirche oder bei einem nicht enden wollenden Theaterstück. Längst habe ich begriffen, verstehe die Aussage, teile sie in manchen Punkten, widerspreche in anderen, und habe nur einen kleinen bescheidenen Wunsch: daß die Vorführung bitte enden möge und man mich hinauslasse ins wirkliche Leben. Dort kommt man mit Thesen nämlich nicht weiter, auch nicht mit Filmbeweisen oder Bildhypnose. Soll doch jeder seinen eigenen Weg suchen, mit oder ohne Gnade. Das einfache Leben und Ölfördertürme – wir mußten sehr lachen. Vorzeigeschnösel Gosling dorthin abkommandiert – fast muß man annehmen, daß Malicks Sinn für Humor bisher unterschätzt wurde.
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