Ich bin ein Vogel, ein Hase, ein Zeuge, ein Kind

Ein ausgedehntes Waldgebiet, Laubwald, eine Straße windet sich hindurch, angepaßt an die landschaftlichen Gegebenheiten, Hebungen und Senken, Gesteinsformationen, Höhenlinien, Parzellierungsgrenzen. Blick aus der Vogelperspektive, das graue Band der Straße, auf ihr ein einzelner beweglicher Punkt, ein Fahrradfahrer. Nun sehen wir ihn von vorn, er fährt auf uns zu. Es handelt sich um einen erwachsenen Menschen, er trägt einen Helm, der macht ihn verletzbarer. Schon tritt jemand mit Baulatten auf der Schulter durchs Bild, überquert die Straße. Der Radfahrer fährt grußlos an ihm vorüber. Nun sehen wir den Radfahrer von hinten, er bremst, hat sein erstes Ziel erreicht und steigt ab.

Wessen Auge ist die Kamera? Es ist nicht die des Erzählers, auch wenn das behauptet wird. Die meisten Filme haben keinen Erzähler, schweigen sich dazu aus, lassen ihn vermissen. Die laufenden Bilder sollen sich selbst erzählen, auch wenn sie das nicht können. Als Zuschauer (interessante Bezeichnung) bekomme ich sie geliefert. Soll ich denn wirklich dauernd dort sein, wo Filmenswertes geschieht, ist das der Kitzel des Mediums, pure Zeugenschaft, Voyeurismus und Intimität? Daher die Verantwortung, gut aufzupassen und bloß nichts zu verpassen, da man ja nicht nachsehen kann und das Gezeigte gleich schon wieder verschwunden ist, unwiederbringlich verloren. Darauf läuft es hinaus, in etwa. ‚Wir arbeiten am Problem‘, dazu ein Baustellenzeichen.

Der Mann mit dem Helm fährt weiter. Wir fahren offenbar vor ihm, denn kaum sehen wir uns um, wird er schon von einem Wagen verfolgt. Jetzt fahren wir neben ihm, sind etwas kleiner als er. Der Wagen hat aufgeschlossen und schneidet uns gleich den Weg ab. Der Mann stürzt. Wir dagegen haben es geschafft und können uns umsehen, greifen aber nicht ein. Zeugen tun das nicht. Wir sind immer noch im Wald. Den Mann werden sie in den Kofferraum sperren, uns lassen sie dabei zusehen. Ich schreibe „wir“, eigentlich ist das falsch, es müßte „ich“ heißen. Vielleicht bin ich der einzige Zeuge, vielleicht bin ich ein Kind. Denn plötzlich liege auch ich im Kofferraum, neben dem Mann mit Helm, und erkenne über seinen gekrümmten Körper hinweg die Gesichter seiner Feinde. Mir tun sie nichts.


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