Die liebe Angst

Wenn ich selbst mich langweile, langweilt mich das. Ich nehme mich aus dem Spiel, gehe schlafen oder lege Mahjong-Steine, bis mir wieder etwas Vernünftiges einfällt. Dazu kann ich stundenlang Musik hören oder abwegigen Vorträgen lauschen über Lerntheorie, Selbstwirksamkeit und politische Verschwörung, bis mich die klaustrophobe Einsamkeit des Steine-Entfernens und sinnloser Belehrungen aufwachen läßt aus diesem Koma meiner Halbexistenz. Augenblicklich bin ich erfrischt und falle über den Abwasch her. Endlich etwas tun!

Etwas anderes ist die Angst. Ich kenne sie, sie kennt mich gut. Allerdings beginnt selbst sie mich nun zu langweilen – sie, die mich doch stets gut unterhalten hat, der ich die bangen Tiefen der Schlaflosigkeit verdanke und jegliche Formen der Verbannung. Auf sie war stets Verlaß, sie war ein strenger Zeremonienmeister. Wenn sie mit der Peitsche knallte, saß ich zitternd und regte mich nicht. Woher sie kommt und wer sie in mein Leben gelassen hat, weiß ich bis heute nicht, nicht wirklich.

Zum einen ist sie ja Gemeingut, eine Bewußtseins-, Reaktions- und Verhaltensstereotype des Menschen, gleich welcher Zivilisation oder Bildung. Zum anderen auch etwas sehr Persönliches – man unterhält zu ihr eine feste Beziehung und füttert sie alle paar Tage wie einen Hausdrachen. Meist wird von ihr im Plural gesprochen, denn der Drache hat viele Köpfe, die einer nach dem anderen vom inneren Helden abgeschlagen werden sollen. Sofern man an so etwas glauben möchte.

Mir kommt ein anderes Bild in den Sinn. Ich möchte meine Angst austrocknen, bis sie ledern wird und rissig und einzufallen beginnt wie eine verhungernde und verdurstende Schlange. Kein schöner Anblick. Vorher möchte ich ein paar Gespräche mit ihr führen. Sie wird sehr geschwätzig sein, denn es geht um ihr Weiterleben. Sie wird mir alles sagen, ihre Tricks verraten, zuletzt noch Angebote unterbreiten, nur um weiter bei mir bleiben zu dürfen. Aber ich bin doch deine Erinnerung, wird sie zuletzt rufen.


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