Das tritt sich nicht weg

„Hier ist ein Schild: Betreten der Eisfläche untersagt. [schreit:] BETRETEN DER EISFLÄCHE UNTERSAGT! — Alles ist in Deutschland untersagt. Alles. Leben untersagt. Tun, Arbeit, Ausprobieren untersagt. Nachdenken untersagt. Zärtlichkeit untersagt. Nur noch scheißen und pissen und rabotti, arbeiten, knechten. Und überall Geld bezahlen, das kann man in Deutschland. Mehr nicht mehr.

[Schritte]

Eine ungeheure Wut erfaßt mich manchmal, und dann, zu anderen Zeiten, zucke ich nur noch mit den Achseln: na und. Diese schmierige Realitätsschau können sie für sich alleine behalten. Diese schmierige Realitätsschau, die die Leute veranstalten, die veranstaltet wird, die da ist, die immer weiterläuft, diese schmierige Realitätsschau können sie alle, die daran glauben, für sich behalten. Ich hab damit nichts mehr zu tun.

[Schritte]

Weiber … ein ganzes Regiment von nackten Weibern, das durch die Köpfe tanzt. — Und dann – dann sagt man: zieh dich aus … und man zieht sich aus … und dann wissen die gar nicht, was sie tun. — Weiber, Frauen sind ungeheuer abwesend … Das Abwesendste und Konservativste, neben Ärzten, neben der Polizei, neben der Jahreszeit … ach schei

[Schritte]

Diese Orte überall … durch die ich ging … durch die ich bisher gegangen bin … wohlgefühlt, dagefühlt mit meinem Körper habe ich mich niemals, konnte ich nicht. Überall waren da Verbote … und es waren komische Blicke … oder es waren irgendwelche Vorschriften. — Eine kleine beengte, mickrige deutsche Welt. — Das ist, wo man lebt.

[Schritte]

Meine Erfahrung ist, daß die ganzen Wörter, die man so lernt, permanent das Gefühl der eigenen Anwesenheit in einer Situation wegnehmen. Sie stehlen sie einfach. Wörter sind riesige gefräßige Tiere. Sie halten einen von dem Gefühl der eigenen Anwesenheit in einer Situation immerzu ab.

[Schritte]

Ein total wunderliches Gefühl … sich zu sagen: Ich bin dann und dann geboren und jetzt in diesem Moment gehe ich hier und hier. Ein seltsames, befremdliches Gefühl. Ein Gefühl, keinen Ort zu haben oder überall einen Ort zu haben, aber trotzdem ein seltsames Gefühl. Ich würde gern irgendwo sein. Aber überall Verbote.

[Schritte]

Das verrottete Land Westdeutschland … Sie sagen überall: Das mußt du genauer sagen – aber jeder sieht die Verrottung, und jeder sagt dies oder das. Aber dieses Land Westdeutschland ist verrottet. Seitdem der Österreicher das kaputtgemacht hat … es ist kaputt, verrottet. — Und dann sind die Amis gekommen und alle anderen Länder und haben es weiter ausgezehrt … und jetzt hängt jeder rum und rotiert rum … wie blinde Karnickel, die rot entzündete Augen haben … [schreit:] VERDAMMTE SCHEISSE HIER

[Schritte]

Der Körper sagt: du gehst durch eine Müllkippe, du wanderst über eine Müllkippe.

[Schritte]

Jetzt fängt es wieder an zu frieren … Der Himmel glüht hier nicht, er hat keine wilden, rauschhaften Farben … Es ist überall eine schmierige Gleichgültigkeit, und müde Körper hängen an den Maschinen herum.

[Schritte]

Es gibt Tage, da ist mein Körper so vollgefüllt mit dieser ramponierten, abgetakelten – Realität … daß ich gar nichts anderes denken kann. Und wie gerne würde ich etwas anderes denken als an diese ramponierte, abgewrackte, runtergekommene Realität.

[Schritte]

Nein, das ist keine Metaphysik, die ich meine mit Realität. Ich meine mit Realität das, was wirklich da ist: diese geordneten Straßen und diese geordneten Gebäude. Diese geordneten Regelungen von Verhaltensweisen und diese geordneten Bewegungen des Mundes, dieser endlose verbale Zug von Begriffen und Wörtern … alles geordnet und geregelt … Da sitzen Köpfe unter kleinen Lämpchen – und sie denken immerzu nur Wörter. — Was ist denn schon die Psyche – niemand weiß das. Vielleicht sind das nur Wörter … Psychologie … nur Wörter. Vielleicht ist die Seele des Menschen nur Wörter – die Seele des Menschen nur Wörter. — Niemand hat sie gesehen.

[Schritte]

Was für armselig arrogante Gesichter die Leute haben. Was für armselig arrogante Gesichter die Leute auf den Toiletten haben.“

Rolf Dieter Brinkmann: Betreten der Eisfläche verboten (Tonbandaufnahme 1973)


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Das tritt sich nicht weg

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