In großer Gegenwärtigkeit leben – gestern ging das. Heute zieht es mich wieder nach vorn. Dieses Ziehen vor- und rückwärts ist schuld, daß wir uns unwohl fühlen und woanders sein möchten. Kaum sind wir dort, an diesem anderen Ort, möchten wir so schnell wie möglich wieder fort. Was verbirgt sich hinter dieser Unfähigkeit zu verweilen und den Augenblick auszukosten? Das frage ich mich seit langem schon. Die Erinnerungen binden uns an Ereignisse in der Vergangenheit, Sorge und Planung an die Zukunft. Die Restaufmerksamkeit gilt dem Jetzt, das routiniert bewältigt wird: lieblos-achtloses Durch-die-Straßen-Hetzen, jeweils einem sogenannten Ziel entgegen, um dort erneut vor der Gegenwart zu versagen. Gestern war das anders: Ich sehnte mich nicht, ich hörte und sah und schöpfte alles aus meiner Gegenwärtigkeit. Es gab nichts Schlimmes mehr: der Weg zur Toilette war nicht langweilig oder unterbrechend, sondern eine Bewegung durch Flure und Räume, bei der jeder einzelne Schritt zählt, ohne daß um dieses Schreiten eigens ein Theater gemacht werden müßte. Ich war nicht woanders, ich war in mir oder mit mir. Ja, ich war mit mir im Leben. Es fühlte sich gut an und sicher. Heute muß ich meinen Tag erst noch finden, auch deshalb schreibe ich dies auf.
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