Verneigt

Wie gern ich lebe! Ich müßte etwas Demonstratives tun: nachts jetzt in den Hof springen und die nassen Sterne anrufen (bloß keine Antwort bitte); ich möchte mich unter den Efeu legen, ans naßkalte Erdreich schmiegen, die Dornen der nackten Rosenstämme aufwärts sehen, die Teerpappe betasten, die schwarzen Augen der Fenster begrüßen, in den Maschendraht bunte Fäden flechten, aufs Dach steigen und lange dort oben stehen wie zum Sprung und doch ängstlich. Wie gern ich lebe! Gestern zog das in mir empor und hält an. Ich bin ja nicht falsch, das ist fast schon richtig. Wir müssen uns trennen, es gab Tränen. Aber so ist das Leben, ich habe es nicht erfunden, nicht so gemacht. Wir lernen uns wund an diesen Herausforderungen, selten stimmt der Ton. Ja, wir stimmen uns immer noch ein. Ich lerne mich durch bis ans Ende und höre nicht auf, fast schon danke.

Nachtrag: Ich lasse diesen Eintrag stehen, obwohl ich ihn am liebsten löschen möchte. Da flog in der Nacht zuviel auf mich zu und preßte sich in die Sätze, wie Leute im Kino, die Plätze besetzen oder mit Mänteln und Mützen reservieren. Das hat etwas Forsches und Forderndes und ähnelt insofern der sogenannten Unschuld des Lebens oder der Macht.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Verneigt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert