Ich halte nichts von Zurechtweisungen, Abmahnungen, Androhungen, Strafpredigten, Tribunalen. Das sind Züchtigungen, die Schmerzen bereiten und erniedrigen. Die Erniedrigten werden auf Rache sinnen und ihrerseits zu erniedrigen suchen, später einmal, irgendwann, irgendwen. Ich halte nichts davon, den Menschen Brandzeichen einzuprägen, die nicht mehr zu entfernen sind. Ich halte nicht einmal sonderlich viel von Kritik, wie ich bereits ausführte. Kritik tut so, als wisse der Kritisierte nicht. Ich traue ihm zu, daß er weiß. Wir wissen das Schlimmste über uns selbst, dahin gelangt niemand sonst. Vielleicht provozieren die Versuche, dieses Schlimme zu verbergen, die Angriffe und Angreifer. Ich kenne jemanden, der hat es sich zur Tugend gemacht, sein Selbstbild zu zerstören. Lob wehrt er kategorisch ab. Er ist nicht bescheiden, er sieht sich einseitig schuldig, da er unvollkommen ist. Unvollkommenheit ist die Zier des Individuums, alles menschlich Lebendigen. Aber das glaubt er nicht, das kann er nicht annehmen. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Früher war er einmal ein Freund. Vermutlich hält er sich versteckt und wartet nur noch ein paar Jahrzehnte, um endlich anzunehmen, daß er ein unvollkommen schöner Mensch ist. Aber bitte nicht länger Buße tun – sie führt nur noch zu Verkümmerung.
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