Eine Motte gefangen, wie man einen kleinen Ball fängt, der einem zugeworfen wird, oder ein Stück Kreide, ein Radiergummi. Die Hand innen hohl, um sie nicht zu zerdrücken. Ich warf sie aus dem Fenster, soll sie fliegen und leben — aber die vielen künstlichen Lichter. Die Nachtfalter orientieren sich am Licht der Sterne oder des Mondes. Vor Jahren (früher) hätte ich sie (nicht persönlich sie, aber eine wie sie) zermatscht und in den Abfalleimer geworfen.
Heute nachmittag starb vor meinen Augen eine Fliege. Mit einem Mal lag sie auf dem Rücken und schrie. Es klang wie ein ein Schrei, dabei war es nur dieses enervierende Summen. Ich drehte sie mit einem Stückchen Papier vorsichtig auf die Füße. (Vor Jahren hätte ich sie erschlagen und vom Tisch gewischt.) Wenig später lag sie tot, sie konnte nicht mehr aufsteigen und fliegen. Ich bin nicht mehr dort, wo sie liegt. Die Putzkräfte werden ihren leichten Leichnam entsorgen.
Vielleicht reagiere ich zu melodramatisch auf das Insektensterben, vielleicht wird sich der Bestand regulieren, vielleicht werden wir gemeinsam überleben. Nicht sie oder du oder ich persönlich, sondern als biologische Spezies, als Teil der lebendigen Welt. Da ich dramatisch veranlagt bin, sehe ich in jedem Tier- und Menschenindividuum das Mal seiner Ausrottung, eines endgültigen Verschwindens. Mit den Tieren verschwinden die Menschen, das weiß ich sicher.
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