„[…] Der implizite Sinn der Herrenmoral, wer leben wolle, müsse zupacken, ist mittlerweile zu einer armseligeren Lüge geworden als die Pastorenweisheit im neunzehnten Jahrhundert. Wenn in Deutschland die Spießbürger als blonde Bestien sich bewährt haben, so rührt das keineswegs von nationalen Eigentümlichkeiten her, sondern davon, daß die blonde Bestialität selber, der gesellschaftliche Raub, vor der offenbaren Fülle zur Haltung des Hinterwäldlers, des verblendeten Philisters, eben des ‚Zu kurz Gekommenen‘ geworden ist, gegen den die Herrenmoral erfunden war. Stünde Cesare Borgia heute auf, so gliche er David Friedrich Strauß [ihm widmete Friedrich Nietzsche die erste seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen] und hieße Adolf Hitler. Amoralität predigen ward zur Sache derselben Darwinisten, die Nietzsche verachtete, und die den barbarischen Kampf ums Dasein krampfhaft als Maxime proklamieren, gerade weil es seiner nicht mehr bedürfte. Die Tugend der Vornehmheit wäre längst nicht mehr, vor den andern das Bessere sich zu nehmen, sondern des Nehmens überdrüssig zu werden und die schenkende Tugend real zu üben, die bei Nietzsche einzig als vergeistigte vorkommt. Die asketischen Ideale schließen heute ein größeres Maß an Widerstand gegen den Wahnsinn der Profitökonomie ein als vor sechzig Jahren das sich Ausleben gegen die liberale Repression. Der Amoralist dürfte endlich sich gestatten, so gütig, zart, unegoistisch und aufgeschlossen zu sein wie Nietzsche damals schon. Zur Bürgschaft seiner unveränderten Resistenz bleibt er damit stets noch so einsam wie in den Tagen, als er der normalen Welt die Maske des Bösen entgegenkehrte, um die Norm das Fürchten vor ihrer eigenen Verkehrtheit zu lehren.“
Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Kap. 60: Ein Wort für die Moral
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