Durch das Luftgitter

Ein Gedicht besteht nicht aus Stimmungen und Gefühlen, sondern aus Worten – dekretierte Gottfried Benn und gab sich analytisch kühl und konstruktiv. Die Gefühlsduselei, das Stimmungsvolle, der romantische Kitsch – sentimentaler Blödsinn für eine Menschheit, die nicht klar sieht. Poesie verlangt ausgeprägten Wirklichkeitssinn. Der hohe Predigerton ist ihr so unangemessen wie das blümchenhaft Versponnene. Sie muß mit der Sprache durch die Sprache hindurchdringen, durch das Luft- und Lautgitter der Worte in die wirkliche Welt. Die bekannten Worte zeigen sich dann in frischer Verbindung und neuem Glanz. Ein sinnliches Verstehen wird möglich, das Denken und Fühlen geleichermaßen befriedigt, ja stillt. Das erstrebte bereits Novalis, deshalb ist es schwierig, wenn die Klischees noch immer „romantisch“ genannt werden. Auch Benn war Romantiker, überdies melancholisch, auch sentimental. „Einsamer nie als im August: / Erfüllungsstunde – im Gelände / die roten und die goldenen Brände, / doch wo ist deiner Gärten Lust?“


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