Aus dem Zusammenhang 62

„Die Welt, wie sie ist, ist doch gekennzeichnet durch einen unstillbaren Tatendurst, durch ein blindwütiges In-die-Welt-setzen-Müssen. Alles was uns einfällt, das müssen wir ja tun. Da ist doch die Literatur ein leuchtendes Vorbild. Alles was Goethe eingefallen ist, ist zu Buche geschlagen, ist Papier geworden, bedrucktes Papier, das war’s. Wie schön, nichts weiter. Was Mathematikern einfällt, das bleibt nicht Formel, das wird Atommeiler, das wird Architektur, das wird Infrastruktur, Kommunikation und und und. Und diese Verhaltenheit des Künstlerischen, also dieses Anhalten, wenn man eine Idee sichtbar gemacht hat, das halte ich für etwas, das gerade in der gegenwärtigen Situation des Fast-alles-machen-Könnens, prinzipiell, für wegweisend, vorbildlich, grandios. Wir müssen das nur erst wiederentdecken. […] Die Kunst ist die Fähigkeit, in der Tatenlosigkeit mit sich selbst und seinem Kopf glücklich zu werden. Alles was abkuppelt von dieser Megamaschine ist wertvoll.“

Ulrich Horstmann im Gespräch mit Fritz Ostermayer / FM4 Im Sumpf, 1999


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